Bedürfnisse wahrnehmen

Wenn jemand keine Erfahrung darin hat, sich selbst zu fühlen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, ist das oft weniger ein „Wissensproblem“ als ein fehlender innerer Erfahrungsraum.

Ein Mensch kann dann äußerlich sehr gut funktionieren – arbeiten, Beziehungen führen, Verantwortung übernehmen – und innerlich kaum wissen: „Was passiert eigentlich gerade in mir?“

Typische Merkmale können sein:

1. Er lebt stärker von außen nach innen

Die Orientierung kommt vor allem aus der Umgebung:

  • „Was erwarten andere von mir?“
  • „Was ist richtig?“
  • „Was muss ich tun, damit ich akzeptiert werde?“
  • „Wie wirke ich?“

Die eigene innere Stimme ist dagegen leise oder kaum zugänglich.

Nicht: „Ich spüre, was ich möchte, und entscheide.“

Eher: „Ich reagiere auf Anforderungen und merke später, dass ich mich selbst verloren habe.“

2. Gefühle werden eher analysiert als erlebt

Viele Menschen können hervorragend über Gefühle sprechen, aber nicht wirklich mit ihnen in Kontakt kommen.

Beispiel:

„Ich bin gestresst.“

Das ist eine Beschreibung.

Der innere Kontakt wäre eher:

„Meine Brust ist eng. Mein Bauch zieht sich zusammen. Ich fühle Angst. Ein Teil von mir möchte weg. Ein anderer Teil möchte gesehen werden.“

Der Unterschied ist: vom Denken über sich selbst zum Erleben von sich selbst.

3. Bedürfnisse erscheinen fremd oder egoistisch

Wenn jemand wenig Erfahrung mit eigenen Bedürfnissen hat, können einfache Fragen schwierig sein:

  • Was brauche ich gerade?
  • Was tut mir gut?
  • Was möchte ich nicht?
  • Wo ist meine Grenze?

Oft gibt es eine innere Verwechslung:

Bedürfnis = Egoismus

Dabei sind Bedürfnisse keine Forderungen an andere. Sie sind Informationen über die eigene innere Realität.

4. Entscheidungen werden unsicher

Wer sich selbst wenig kennt, sucht häufig Sicherheit außerhalb:

  • andere fragen
  • Meinungen einholen
  • vergleichen
  • sich absichern

Nicht, weil der Mensch unfähig ist, sondern weil ihm die innere Referenz fehlt.

Eine Entscheidung fühlt sich dann nicht an wie: „Ich weiß, was für mich stimmt.“

Sondern: „Ich hoffe, dass ich keinen Fehler mache.“

5. Der eigene Körper wird nicht als Informationsquelle genutzt

Viele Menschen leben „oberhalb des Halses“:

Sie denken, planen, bewerten.

Aber sie nehmen kaum wahr:

  • Müdigkeit
  • Anspannung
  • Überforderung
  • Lust
  • Freude
  • Widerstand
  • Sehnsucht

Der Körper sendet permanent Signale – aber die Verbindung zu diesen Signalen wurde nie richtig gelernt.

6. Beziehung zu sich selbst beginnt wie eine neue Sprache

Wenn jemand unerfahren mit sich selbst ist, fühlt sich Selbstkontakt am Anfang manchmal sogar unangenehm an.

Warum?

Weil plötzlich Dinge auftauchen, die vorher übergangen wurden:

  • Traurigkeit
  • Wut
  • Einsamkeit
  • unerfüllte Wünsche
  • alte Verletzungen

Der Mensch entdeckt nicht nur schöne Seiten von sich. Er entdeckt sich als Ganzes.

Für Coaching ist ein zentraler Punkt:

Menschen müssen nicht zuerst lernen, sich zu verändern. Sie müssen zuerst lernen, sich wahrzunehmen.

Denn ohne Selbstkontakt entstehen Veränderungen oft nur aus Druck:

„Ich muss anders werden.“

Mit Selbstkontakt entsteht etwas anderes:

„Ich verstehe mich. Und aus diesem Verständnis kann ich mich entwickeln.“

Ein sehr passender Kernsatz für meine Arbeit wäre:

„Viele Menschen haben gelernt, durchs Leben zu kommen. Aber nicht gelernt, mit sich selbst zu sein.“

Oder noch zugespitzter:

„Das größte Problem vieler Menschen ist nicht, dass sie sich nicht kennen. Es ist, dass sie nie gelernt haben, sich kennenzulernen.“

Marc A. Holtz, Beziehungscoach