(„Wenn ich ehrlich antworte.“)
Wenn du dich wirklich veränderst, wird es unbequem. Nicht unbedingt, weil es dir schlechter geht – sondern weil vieles, was bisher funktioniert hat, plötzlich nicht mehr funktioniert.
Man könnte es so auseinandernehmen:
- Angst vor dem Verlust von Sicherheit.
Auch ein unglückliches Leben kann sich sicher anfühlen, wenn man es kennt. Das Bekannte hat einen enormen psychologischen Vorteil: Man weiß, woran man ist. - Angst vor den Konsequenzen.
Wenn ich wirklich sage, was ich brauche, muss ich vielleicht Grenzen setzen. Wenn ich Grenzen setze, könnte jemand gehen. Wenn ich gehe, muss ich vielleicht etwas aufgeben. Wenn ich etwas aufgebe, muss ich entscheiden, was danach kommt. - Angst vor der eigenen Freiheit.
Das klingt zunächst absurd. Aber Freiheit bedeutet auch: Ich kann mich nicht mehr vollständig darauf berufen, dass die anderen, meine Vergangenheit oder die Umstände schuld sind. - Angst vor Enttäuschung.
Solange ich nur davon träume, kann der Traum perfekt bleiben. Sobald ich ihn wirklich versuche zu leben, kann ich scheitern. Also bleibt man lieber beim Wunsch als beim Risiko. - Angst vor Sichtbarkeit.
Veränderung macht sichtbar, dass bisher etwas nicht gestimmt hat. Und plötzlich könnten andere fragen: „Warum hast du das nicht schon früher gemacht?“
Also tut man lieber weiter so, als sei alles in Ordnung. - Angst vor dem Urteil anderer.
Menschen haben oft mehr Angst davor, jemanden zu enttäuschen, als davor, sich selbst jahrelang zu enttäuschen. - Angst vor der eigenen Größe.
Auch das gibt es. Wenn ich wirklich aufhöre, mich kleinzuhalten – was wird dann von mir erwartet? Vielleicht kann ich es dann tatsächlich. Und dann gibt es keine Ausrede mehr, es nicht zu tun.
Und vielleicht liegt darunter noch etwas sehr Grundsätzliches:
„Wenn ich mich verändere – wer bin ich dann?“
Denn unsere Strategien sind nicht einfach schlechte Angewohnheiten. Sie sind häufig Teil unserer Identität geworden.
Ich bin der Vernünftige.
Ich bin die Starke.
Ich brauche niemanden.
Ich halte durch.
Ich funktioniere.
Ich mache es allen recht.
Ich bin unabhängig.
Ich habe alles im Griff.
Wenn du beginnst, dich wirklich zu verändern, musst du nicht nur ein Verhalten verändern.
Du musst manchmal eine alte Version von dir verabschieden.
Und genau deshalb kann jemand sich insgeheim nach einem völlig anderen Leben sehnen und gleichzeitig alles dafür tun, dass es nicht passiert.
Das ist kein Widerspruch.
Es ist ein innerer Konflikt:
Ein Teil von mir will endlich leben. Ein anderer Teil von mir will sicher bleiben.
Und der zweite Teil ist meistens nicht dumm.
Er hat irgendwann gelernt:
„So, wie du bist, überlebst du.“
Deshalb hilft es auch selten, Menschen einfach zu sagen:
„Dann verändere dich doch endlich!“
Das Problem ist nicht fehlender Wille.
Das Problem ist häufig, dass das bisherige Leben trotz seines Preises eine Funktion erfüllt.
Und genau deshalb kann „alles ist okay“ manchmal eine ziemlich raffinierte Form sein, zu sagen:
„Bitte frag nicht weiter. Ich weiß selbst noch nicht, was passiert, wenn ich ehrlich antworte.“
Termin zur Orientierung kostenlos. Muss aber von dir kommen.