Scham ist eines dieser Gefühle, über die wir nicht besonders gerne sprechen. Was irgendwie schon zum Problem gehört. Denn Scham lebt davon, dass wir etwas lieber verstecken würden.
Dabei kennt sie fast jeder.
Du möchtest etwas sagen – und lässt es lieber.
Du möchtest Nein sagen – und sagst Ja.
Du möchtest gehen – und bleibst.
Du möchtest dich zeigen – und machst dich lieber ein bisschen kleiner.
Und manchmal hältst du das Ganze anschließend für eine vernünftige Entscheidung.
Scham kann nämlich erstaunlich gut so tun, als wäre sie einfach nur Vernunft.
Was ist Scham eigentlich?
Scham hat viel mit unserem Bild von uns selbst und mit dem Blick anderer Menschen auf uns zu tun.
Vereinfacht gesagt, unterscheidet sich Scham dabei von Schuld:
Schuld sagt: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“
Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Das ist ein großer Unterschied.
Wenn du etwas getan hast, das du bereust, kannst du dein Verhalten verändern, dich entschuldigen oder Verantwortung übernehmen.
Scham greift dagegen häufig tiefer. Sie stellt nicht nur infrage, was du getan hast, sondern wer du bist.
Dann wird aus:
„Das war keine gute Entscheidung.“
schnell:
„Ich bin ein Versager.“
Oder aus:
„Ich habe jemanden verletzt.“
wird:
„Ich bin ein schlechter Mensch.“
Und plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas zu klären. Es geht darum, sich selbst möglichst schnell wieder vor dem eigenen inneren Gericht zu retten.
Scham hat viel mit dem Blick der anderen zu tun
Scham entsteht häufig dort, wo wir befürchten, dass andere etwas über uns erkennen könnten, das wir lieber verbergen würden.
Dass wir nicht stark genug sind.
Nicht erfolgreich genug.
Nicht attraktiv genug.
Nicht souverän genug.
Zu bedürftig.
Zu emotional.
Zu laut.
Zu leise.
Zu anders.
Oder schlicht: nicht so, wie wir glauben, sein zu müssen.
Das Problem daran: Der Mensch, dessen Urteil wir fürchten, muss nicht einmal tatsächlich urteilen.
Manchmal reicht bereits die Vorstellung davon.
Wir tragen dann gewissermaßen ein kleines Publikum im Kopf herum.
Und dieses Publikum hat erstaunlich viel Mitspracherecht.
Wie Scham unsere Entscheidungen beeinflusst
Scham kann Entscheidungen verhindern, verändern oder überhaupt erst erzwingen.
Du möchtest deine Beziehung beenden, weil du merkst, dass sie dir nicht mehr entspricht. Aber eine Trennung fühlt sich für dich wie persönliches Scheitern an.
Also bleibst du.
Nicht unbedingt, weil du bleiben möchtest.
Sondern weil du nicht der Mensch sein möchtest, der gegangen ist.
Oder du möchtest beruflich etwas verändern. Eigentlich weißt du längst, dass dein bisheriger Weg nicht mehr zu dir passt.
Aber was sollen andere denken?
Nach all den Jahren?
Jetzt noch einmal von vorne?
Was ist, wenn es nicht funktioniert?
Also bleibst du.
Und nennst das Sicherheit.
Manchmal ist es das auch.
Manchmal ist es aber schlicht Schamvermeidung mit einem sehr seriösen Business-Outfit.
„Was sollen die anderen denken?“ ist manchmal keine Kleinigkeit
Eine der mächtigsten Fragen der Scham lautet:
„Was werden die anderen denken?“
Sie kann erstaunlich viel Lebensgestaltung übernehmen.
Was ziehe ich an?
Wen liebe ich?
Was erzähle ich über mich?
Was traue ich mir zu?
Was darf ich wollen?
Wo setze ich eine Grenze?
Wann sage ich Nein?
Wann gehe ich?
Wann bleibe ich?
Und irgendwann merkst du vielleicht:
Ich habe mein Leben ziemlich gut danach eingerichtet, möglichst wenig Anlass für Ablehnung, Kritik oder Beschämung zu geben.
Das klingt zunächst nach einer ziemlich guten Strategie.
Nur hat sie einen kleinen Haken:
Du musst dafür ziemlich viel von dir selbst zurückhalten.
Scham macht uns oft kleiner, als wir eigentlich sind
Scham führt nicht immer dazu, dass wir etwas offensichtlich vermeiden.
Manchmal werden wir einfach kleiner.
Wir äußern unsere Meinung nicht.
Wir bitten nicht um Hilfe.
Wir zeigen unsere Gefühle nicht.
Wir sagen nicht, was wir brauchen.
Wir machen einen Witz über uns selbst, bevor es jemand anderes tun kann.
Wir erklären unsere Bedürfnisse weg.
„Ist schon okay.“
„Nicht so wichtig.“
„Ich brauche das nicht.“
„Ich komme schon klar.“
Der Klassiker: Wir wollen eigentlich etwas ganz anderes – und schaffen es trotzdem, überzeugend zu erklären, warum das andere völlig in Ordnung ist.
Menschen können darin erstaunlich kreativ werden.
Scham ist nicht grundsätzlich schlecht
Scham hat auch eine wichtige soziale Funktion.
Sie kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir etwas getan haben, das nicht zu unseren eigenen Werten passt oder andere Menschen verletzt hat.
In diesem Sinne kann Scham ein Hinweis sein.
Aber ein Hinweis ist noch kein Urteil.
Es lohnt sich deshalb, genauer hinzuschauen:
Habe ich tatsächlich etwas getan, das ich verantworten möchte?
Oder:
Habe ich lediglich etwas getan, das nicht dem Bild entspricht, das andere von mir erwarten?
Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Denn Verantwortung braucht nicht zwingend Selbstverachtung.
Du kannst sagen:
„Das war nicht okay von mir.“
ohne daraus zu machen:
„Deshalb bin ich nicht okay.“
Die entscheidende Frage: Wovor schützt mich meine Scham?
Wenn Scham eine Entscheidung beeinflusst, lohnt sich eine ziemlich einfache Frage:
„Wovor möchte ich mich gerade schützen?“
Vielleicht vor Ablehnung.
Vor Kritik.
Vor Enttäuschung.
Vor dem Gefühl, anders zu sein.
Vor dem Verlust von Anerkennung.
Vor der Vorstellung, gescheitert zu sein.
Oder vor der Möglichkeit, dass jemand dich tatsächlich so sieht, wie du bist.
Diese Frage verändert etwas.
Denn dann geht es nicht mehr nur darum, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist.
Du kannst untersuchen, aus welchem inneren Zustand heraus du sie triffst.
Was würde ich entscheiden, wenn ich mich nicht dafür schämen müsste?
Das ist eine der interessanteren Fragen im Umgang mit Scham:
„Was würde ich tun, wenn ich keine Angst davor hätte, dass jemand meine Entscheidung bewertet?“
Nicht:
„Was soll ich tun?“
Nicht:
„Was wäre vernünftig?“
Sondern:
„Was wäre meine Entscheidung, wenn ich mich dafür nicht schämen müsste?“
Vielleicht würdest du gehen.
Vielleicht bleiben.
Vielleicht Nein sagen.
Vielleicht endlich Ja.
Vielleicht würdest du dich zeigen.
Vielleicht würdest du zugeben, dass du etwas nicht weißt.
Vielleicht würdest du jemanden um Hilfe bitten.
Und vielleicht würdest du am Ende genau dieselbe Entscheidung treffen wie vorher.
Aber dann wäre es deine Entscheidung.
Nicht automatisch die Entscheidung deiner Scham.
Mit Scham umgehen bedeutet nicht, keine Scham mehr zu haben
Das Ziel ist nicht, irgendwann völlig schamfrei durchs Leben zu laufen.
Das wäre vermutlich auch eher anstrengend für das soziale Umfeld.
Scham gehört zum Menschsein.
Mit der eigenen Scham umgehen zu können bedeutet vielmehr, sie wahrzunehmen, ohne ihr automatisch das Steuer zu überlassen.
Du kannst spüren:
„Ich schäme mich.“
Und gleichzeitig fragen:
„Was sagt mir dieses Gefühl?“
„Wovor habe ich Angst?“
„Welche Vorstellung von mir selbst wird gerade bedroht?“
„Was glaube ich, über mich beweisen zu müssen?“
Und schließlich:
„Was ist unabhängig davon eigentlich wahr für mich?“
Das ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Selbstkontakt.
Warum es gut ist, mit der eigenen Scham umgehen zu können
Weil Scham sonst Entscheidungen treffen kann, die eigentlich gar nicht deine sind.
Du musst dich nicht von jedem unangenehmen Gefühl befreien, bevor du dein Leben gestalten darfst.
Du musst auch nicht lernen, dass dir die Meinung anderer völlig egal ist. Das wäre wahrscheinlich weder besonders realistisch noch besonders beziehungsfähig.
Es geht um etwas anderes:
Du kannst die Reaktion anderer Menschen aushalten, ohne dich selbst dafür aufzugeben.
Du kannst einen Fehler machen, ohne dich selbst zum Fehler zu erklären.
Du kannst eine Grenze setzen, obwohl jemand enttäuscht ist.
Du kannst dich zeigen, obwohl nicht jeder dich versteht.
Du kannst deine Meinung ändern, ohne dein Gesicht zu verlieren.
Du kannst eine Beziehung verlassen, ohne daraus ein persönliches Scheitern zu machen.
Und du kannst eine Entscheidung treffen, die nicht jedem gefällt, ohne daraus zu schließen, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Der eigentliche Gewinn ist deshalb nicht, weniger Scham zu empfinden.
Der Gewinn ist mehr Freiheit im Umgang mit ihr.
Denn Scham darf dir etwas sagen.
Sie darf dich sogar zum Nachdenken bringen.
Aber sie sollte nicht automatisch darüber entscheiden, wie viel von dir in deinem eigenen Leben vorkommen darf.