Kein guter Menschenkenner

Es ist ein schneller Geschichtenerzähler – zu wenig mögliche Erklärungen im Kopf.

Das Gehirn liebt einfache Geschichten. Es versucht, Verhalten möglichst schnell einzuordnen. Das spart Energie.

Beispielsweise:

  • “Der ist arrogant.”
  • “Sie interessiert sich nicht für mich.”

Unser Gehirn ist ein Meister im Abkürzen. Es bekommt drei Sekunden Informationen und produziert daraus eine komplette Geschichte. Leider nicht selten inklusive Hauptdarsteller, Bösewicht und Handlungsmotiv.

Das Problem ist: Das sind meist Urteile, keine Erklärungen.

Ein Coach oder jemand mit psychologischem Hintergrund denkt oft in “Blaupausen”. Statt einer Erklärung kennt er vielleicht zehn oder zwanzig mögliche.

Zum Beispiel, wenn jemand nicht zurückschreibt, könnten die Ursachen sein:

  • Überforderung
  • Scham
  • Angst vor Nähe
  • Angst vor Ablehnung
  • Konfliktvermeidung
  • altes Beziehungsmuster
  • Stress im Nervensystem
  • Perfektionismus
  • Desinteresse

Alle diese Möglichkeiten können äußerlich zum gleichen Verhalten führen.

Die Fähigkeit, mehrere Erklärungen gleichzeitig halten zu können, ist eine Form von innerer Reife.

Die eigene Bedienungsanleitung

Deshalb verstehen viele Menschen andere so selten: Wir halten unsere eigene Bedienungsanleitung oft für den Standard aller Menschen. Überraschung: Andere Menschen wurden mit einer anderen Software ausgeliefert. Und manche laufen noch mit einem Betriebssystem aus dem Jahr 1998.

  1. Wir überschätzen den Charakter (“Der ist eben so.”) und unterschätzen die Situation oder die innere Verfassung.
  2. Wir projizieren uns selbst
    Wir fragen unbewusst:

“Warum würde ich das tun?”
Anstatt:
“Warum könnte dieser Mensch das tun?”

  1. Innere Prozesse sind unsichtbar
    Man sieht Verhalten, aber nicht Angst, Scham, Einsamkeit, Überforderung oder alte Beziehungserfahrungen.
  2. Es fehlt (psychologisches) Wissen
    Wer nie etwas über Bindung, Trauma, Nervensystem oder Entwicklungspsychologie gelernt hat, verfügt schlicht über weniger Erklärungsmodelle.
  3. Unser Gehirn möchte Gewissheit
    “Ich weiß, warum er das macht.” fühlt sich sicherer an als:
    “Ich kenne die Ursache noch nicht.”

Gerade Unsicherheit hält das Gehirn schlecht aus.

Was kostet mich das?

Wenn wir nur eine Erklärung kennen, reagieren wir oft auf unsere eigene Geschichte – nicht auf den anderen Menschen.

Wodurch Konflikte entstehen

Viele Konflikte entstehen nicht dadurch, dass Menschen böse Absichten haben. Sondern dadurch, dass sie die Lücken zwischen Beobachtung und Wahrheit mit Fantasie füllen.

Mehr Blaupausen für Verhalten entwickeln

Nicht damit die anderen alles entschuldigen, sondern damit sie Verhalten differenzierter betrachten.

Anstatt:

“Mit mir stimmt etwas nicht.”

wird daraus:

“Es gibt mehrere mögliche Erklärungen. Lass uns herausfinden, welche auf dich zutrifft.”

Oder statt:

“Mein Partner liebt mich nicht.”

entsteht:

“Vielleicht schützt er sich. Vielleicht kennt er Nähe nur unter bestimmten Bedingungen. Vielleicht ist sein Nervensystem dauerhaft angespannt.”

Das macht Menschen nicht naiv. Es macht sie präziser. Und paradoxerweise oft auch handlungsfähiger, weil sie weniger aus vorschnellen Schlussfolgerungen reagieren.

Der Begriff “Blaupausen”

Er beschreibt, dass hinter sichtbarem Verhalten oft wiederkehrende Muster liegen. Je mehr dieser Blaupausen jemand kennt, desto weniger muss er Menschen vorschnell verurteilen – und desto eher kann er verstehen, ohne alles zu entschuldigen.

Menschen brauchen nicht mehr Tipps, sondern mehr innere Landkarten (Blaupausen).

Die unreife Reaktion:

“Ich weiß, warum du das machst.”

Die reifere Reaktion:

“Ich habe eine Vermutung. Aber ich weiß es noch nicht.”

Innere Reife bedeutet: mehrere Möglichkeiten aushalten können

Der unreife Anteil in uns möchte Gewissheit: “Ich weiß genau, warum du das machst.”