Menschen erzählen selten die objektive Wahrheit über sich. Sie erzählen eine identitätsstiftende Wahrheit. Das heißt: eine Geschichte, die erklärt, wer sie sind, warum ihr Leben so geworden ist und welche Rolle sie darin spielen.
Diese Geschichte erfüllt gleich mehrere Funktionen:
- Sie schützt vor Schmerz.
- Sie erhält ein Gefühl von Identität und Kontinuität.
- Sie macht das eigene Leben verständlich.
- Sie sorgt dafür, dass andere uns so sehen, wie wir gesehen werden möchten.
In diesem Narrativ stecken fast immer:
- Sehnsüchte (“Ich möchte geliebt werden.”)
- Ängste (“Ich darf nicht versagen.”)
- Scham (“Das darf niemand sehen.”)
- Ideale (“So sollte ich sein.”)
- Überlebensstrategien
“Deshalb bin ich unabhängig.”
“Deshalb kümmere ich mich immer um andere.”
Deshalb sagen Menschen nicht unbedingt die Unwahrheit. Sie erzählen die Wahrheit, die sie im Moment über sich selbst glauben und aushalten können.
Kennen wir Menschen nur so gut?
Im Grunde ja.
Wir kennen Menschen meist nur bis zu dem Punkt, an dem sie sich selbst kennen,
an dem sie sich selbst zeigen können,
und an dem sie sich sicher genug fühlen, sich nicht mehr schützen zu müssen.
Es gibt immer Bereiche, die verborgen bleiben – manchmal bewusst, oft unbewusst.
Und schließlich:
Können wir Menschen nur so gut kennen?
Vermutlich ja.
Wir können einen Menschen nie vollständiger kennen, als er bereit oder in der Lage ist, sich erkennen zu lassen. Selbst mit viel Empathie sehen wir meist nur Hinweise auf das Verborgene.
Ein guter Coach, denke ich darum, versucht deshalb nicht, jemanden zu “durchschauen”. Er schafft Bedingungen, unter denen der Klient sich selbst tiefer erkennen kann. Wenn er oder sie mag.
Ich als Coach „muss“ darum Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen in der Situation oder Sitzung schaffen.
Menschen erzählen uns (mir und sich selbst) andernfalls nicht, wer sie sind. Sie erzählen uns die Geschichte, mit der sie leben können – vor Partnern, vor Freunden, Familie etc. Sie werden sich andernfalls nicht verletzlich uns allen gegenüber zeigen.
Hinter dieser Geschichte, diesem Narrativ, liegen ihre unerfüllten Bedürfnisse, ihre Ängste, ihre Scham und ihre Sehnsucht. Wirklich kennenlernen können wir einen Menschen nur in dem Maß, in dem er sich selbst kennenlernen und zeigen kann.
Das ist keine Frage von Wollen oder können, sondern erst eine von Vertrauen und Geborgenheit, Sicherheit und dem Zustand in dem wir grade sind.
