Warum wir oft nicht wissen, was wir wirklich wollen:
Du hast vielleicht einen Job, eine Beziehung, eine Wohnung, einen Freundeskreis, einen halbwegs gepflegten Lebenslauf und einen Kalender, der aussieht, als hätte er persönlich etwas gegen dich.
Und trotzdem gibt es diesen Moment:
„Ist das eigentlich mein Leben?“
Vielleicht fehlt gar nichts Offensichtliches. Du funktionierst. Du bekommst Dinge hin. Du triffst Entscheidungen.
Aber irgendwo dazwischen ist etwas leiser geworden:
Dein eigenes Verlangen.
Denn es ist erstaunlich leicht, zu wollen, was alle anderen für erstrebenswert halten.
Karriere. Sicherheit. Partnerschaft. Erfolg. Anerkennung. Ein bestimmter Körper. Ein bestimmter Lebensstil. Möglichst interessante Reisen, möglichst interessante Menschen und natürlich ein interessantes Leben, über das man gelegentlich auf Instagram berichten kann.
Nur: Interessant heißt nicht automatisch passend.
Und manchmal merken wir erst sehr spät, dass wir ein Leben aufgebaut haben, das ziemlich gut aussieht – aber nicht besonders gut zu uns passt.
Wir lernen, was wir wollen
Niemand kommt mit einem fertigen Benutzerhandbuch zur Welt.
Wir lernen von anderen Menschen, was wichtig ist.
Als Kind beobachten wir:
- Wofür bekommen Menschen Anerkennung?
- Was macht Eltern stolz?
- Was bringt Sicherheit?
- Was darf man sich wünschen?
- Was ist „vernünftig“?
- Was macht einen Menschen wertvoll?
- Was sollte man besser nicht wollen?
Aus diesen Erfahrungen entsteht nach und nach ein inneres Bild davon, wie man sein sollte und was man haben sollte.
Das ist zunächst völlig normal.
Wir lernen schließlich fast alles über Beziehung, Sprache, Verhalten und Zugehörigkeit von anderen.
Das Problem entsteht erst, wenn wir irgendwann vergessen, dass wir manches übernommen haben.
Dann wird aus:
„Das finden andere wichtig.“
„Das ist mir wichtig.“
Aus:
„So sollte ein erfolgreiches Leben aussehen.“
„So möchte ich leben.“
Und aus:
„Damit bekomme ich Anerkennung.“
„Das will ich.“
Das klingt ähnlich.
Ist aber nicht dasselbe.
Du kannst ein Bedürfnis haben – und die falsche Lösung dafür
Hier wird es besonders interessant.
Vielleicht möchtest du Karriere machen.
Aber eigentlich möchtest du Anerkennung.
Vielleicht möchtest du unbedingt eine Beziehung.
Aber eigentlich sehnst du dich nach Nähe und Zugehörigkeit.
Vielleicht willst du möglichst viel Geld verdienen.
Aber eigentlich möchtest du Sicherheit.
Vielleicht willst du perfekt aussehen.
Aber eigentlich möchtest du dich wertvoll fühlen.
Das Bedürfnis ist dabei nicht das Problem.
Wir verwechseln nur manchmal das Bedürfnis mit der Strategie.
Anerkennung ist ein menschliches Bedürfnis.
Karriere ist eine mögliche Strategie.
Nähe ist ein menschliches Bedürfnis.
Eine bestimmte Beziehung ist eine mögliche Strategie.
Sicherheit ist ein menschliches Bedürfnis.
Geld, Kontrolle oder Status können Strategien dafür sein.
Und wenn wir die Strategie für das Bedürfnis halten, kann es passieren, dass wir jahrelang etwas verfolgen, das uns am Ende trotzdem nicht gibt, wonach wir eigentlich gesucht haben.
Ziemlich effizient. Nur leider in die falsche Richtung.
„Ich will das“ ist noch keine Antwort
Eine spannende Frage lautet deshalb nicht nur:
Was willst du?
Sondern:
Woher weißt du, dass du das willst?
Das kann unangenehm werden.
Denn vielleicht lautet die Antwort:
„Weil man das eben so macht.“
„Weil ich sonst zurückbleibe.“
„Weil meine Eltern das für mich wollten.“
„Weil alle meine Freunde das haben.“
„Weil ich dann endlich erfolgreich bin.“
„Weil ich sonst Angst habe, nicht genug zu sein.“
Oder:
„Weil ich gar nicht weiß, was ich sonst wollen sollte.“
Und genau hier beginnt Selbstkontakt.
Nicht bei der perfekten Antwort.
Sondern bei der Bereitschaft, die eigenen Antworten überhaupt einmal zu überprüfen.
Nachahmung ist nicht das Problem
Nachahmen ist menschlich.
Wir lernen durch Beobachtung. Wir orientieren uns an anderen. Wir übernehmen Werte, Verhalten, Sprache und Vorstellungen davon, wie das Leben funktioniert.
Das brauchen wir sogar.
Du wirst niemals völlig unbeeinflusst von anderen Menschen sein.
Darum geht es auch gar nicht.
Es geht um etwas anderes:
Kannst du erkennen, was du übernommen hast – und trotzdem selbst entscheiden, ob es zu dir passt?
Vielleicht hast du etwas von deinen Eltern übernommen und möchtest es heute genauso leben.
Dann ist es deins.
Vielleicht hast du etwas übernommen und stellst fest:
„Eigentlich will ich das gar nicht.“
Auch gut.
Selbstkontakt bedeutet nicht, alles abzulehnen, was von außen kommt.
Selbstkontakt bedeutet, zwischen übernommen und selbst gewählt unterscheiden zu können.
Zugehörigkeit macht es schwer
Das Ganze hat einen Haken.
Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit.
Denn manchmal kostet es etwas, anders zu wollen.
Wenn deine Familie Leistung wichtig findet und du eigentlich weniger arbeiten möchtest, kann sich das plötzlich wie Versagen anfühlen.
Wenn alle um dich herum eine klassische Beziehung wollen und du eine andere Form von Nähe brauchst, kann sich dein Wunsch falsch anfühlen.
Wenn dein Umfeld Status, Geld und Sicherheit hoch bewertet und du eigentlich ein einfacheres Leben möchtest, musst du möglicherweise aushalten, dass andere das nicht verstehen.
Und genau deshalb übernehmen wir nicht nur Vorstellungen.
Wir übernehmen manchmal auch Wünsche, weil Zugehörigkeit sich sicherer anfühlt als Anderssein.
Das geschieht nicht unbedingt bewusst.
Du sitzt nicht morgens am Küchentisch und beschließt:
„Heute passe ich mein Verlangen bitte an die Erwartungen meiner Umgebung an.“
Schön wäre es. Dann könnten wir wenigstens ein Formular dafür entwickeln.
Meist passiert es viel subtiler.
Was willst du, wenn niemand enttäuscht wäre?
Eine der interessantesten Fragen überhaupt könnte deshalb sein:
Was würdest du wollen, wenn niemand davon enttäuscht wäre?
Wenn deine Eltern nicht urteilen würden.
Wenn dein Partner nicht enttäuscht wäre.
Wenn deine Freunde dich nicht komisch fänden.
Wenn niemand beeindruckt werden müsste.
Wenn du nichts beweisen müsstest.
Wenn du nicht zeigen müsstest, dass du dein Leben im Griff hast.
Was bliebe dann übrig?
Vielleicht nicht die große Revolution.
Vielleicht möchtest du deinen Job behalten.
Vielleicht möchtest du deine Beziehung.
Vielleicht möchtest du weiterhin ehrgeizig sein.
Aber vielleicht würdest du manches anders machen.
Weniger.
Mehr.
Langsamer.
Ehrlicher.
Oder überhaupt erst einmal herausfinden, was „deins“ bedeutet.
Selbstkontakt bedeutet nicht: „Mach einfach, was du willst“
Das wäre zu einfach.
Und vermutlich auch ziemlich anstrengend für alle Menschen in deiner Umgebung.
Selbstkontakt bedeutet nicht, jedem Impuls zu folgen.
Er bedeutet, wahrzunehmen:
Was fühle ich? Was brauche ich? Was will ich? Was habe ich gelernt? Wovor habe ich Angst? Was gehört zu mir – und was übernehme ich gerade?
Erst dann entsteht echte Wahl.
Denn Selbstführung bedeutet nicht:
„Ich mache, was ich will.“
Sondern:
„Ich weiß zunehmend, was in mir passiert, und kann bewusst entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.“
Das ist ein großer Unterschied.
Vielleicht musst du dich nicht neu erfinden
Vielleicht brauchst du auch gar kein neues Leben.
Vielleicht brauchst du zunächst einen ehrlicheren Kontakt mit dem Leben, das du bereits führst.
Mit deinen Bedürfnissen.
Mit deinem Verlangen.
Mit deinen Grenzen.
Mit deiner Angst.
Mit deiner Geschichte.
Und mit der manchmal ziemlich unbequemen Frage:
„Will ich das wirklich – oder habe ich nur sehr gut gelernt, es zu wollen?“
Denn dein eigenes Leben beginnt nicht unbedingt dort, wo du alles anders machst.
Es beginnt dort, wo du wieder unterscheiden kannst:
Das bin ich. Das habe ich gelernt. Das brauche ich. Das will ich. Und das entscheide ich jetzt selbst.
Wenn du dich selbst dabei immer wieder verlierst
Wenn du viel über dich nachdenkst, aber trotzdem nicht richtig weißt, was du eigentlich brauchst oder willst, lohnt sich ein genauerer Blick.
Nicht mit dem Ziel, dich zu optimieren.
Sondern um wieder mehr Kontakt zu dir selbst zu bekommen.
Ich begleite Menschen dabei, die eigenen Muster zu verstehen, Gefühle und Bedürfnisse wieder wahrzunehmen und aus diesem Kontakt heraus eigene Entscheidungen zu treffen.
Nicht: Wie solltest du sein?
Sondern:
Wie willst du leben, wenn du nicht mehr ständig jemand anderes sein musst?