Was ein gutartiger Hirntumor mit meinem Coaching gemacht hat

Manchmal erklärt das Leben Dinge ziemlich direkt.

Ich beschäftige mich beruflich damit, wie Menschen wieder einen besseren Kontakt zu sich selbst bekommen.

Mit Bedürfnissen. Mit Gefühlen. Mit Grenzen. Mit Verletzlichkeit. Mit der Frage, was sie eigentlich wollen – und warum sie trotzdem immer wieder etwas anderes tun.

Und dann hatte ich plötzlich einen gutartigen Tumor im Kopf.

Nicht bestellt. Nicht gebraucht. Nicht besonders spirituell. Und definitiv keine Erfahrung, die ich irgendjemandem empfehlen würde.

Aber sie hat mir etwas sehr deutlich gezeigt:

Es gibt einen Unterschied zwischen etwas zu verstehen – und es wirklich zu erleben.

Und genau dieser Unterschied ist für meine Arbeit wichtig.

Wenn Funktionieren plötzlich keine Option mehr ist

Viele Menschen, mit denen ich arbeite, können unglaublich gut funktionieren.

Sie organisieren. Sie leisten. Sie kümmern sich. Sie halten aus. Sie denken nach. Sie analysieren. Und wenn es schwierig wird, legen sie meistens noch eine Schippe drauf.

Das Problem:

Funktionieren kann lange hervorragend funktionieren. Bis es irgendwann nicht mehr funktioniert.

Eine Kopf-OP ist dafür ein ziemlich überzeugendes Anschauungsobjekt.

Es gibt Dinge, die kannst du nicht wegdenken.

Du kannst deinen Körper nicht davon überzeugen, schneller zu regenerieren. Du kannst nicht einfach beschließen, wieder belastbar zu sein. Und du kannst dir auch nicht einreden, dass du keine Hilfe brauchst, wenn du sie gerade brauchst.

Plötzlich gilt:

Das, was gerade möglich ist, ist die Realität.

Nicht das, was du gerne möglich machen würdest.

Und das ist eine ziemlich gute Lektion in Selbstkontakt.

Selbstverantwortung heißt nicht, alles alleine zu schaffen

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen für meine Arbeit.

Selbstverantwortung wird leicht missverstanden.

Als:

„Ich muss das selbst hinkriegen.“

„Ich darf niemandem zur Last fallen.“

„Ich muss stark sein.“

„Ich sollte mich besser im Griff haben.“

Aber das ist nicht Selbstverantwortung.

Das ist manchmal einfach nur sehr gut trainiertes Alleinemachen.

Selbstverantwortung kann auch bedeuten:

Ich bemerke, dass ich Hilfe brauche – und hole sie mir.

Ich merke, dass etwas zu viel ist – und sage Nein.

Ich akzeptiere, dass mein Körper gerade Grenzen setzt.

Ich lasse mich unterstützen, ohne deshalb meine Selbstständigkeit aufzugeben.

Das ist keine Schwäche.

Es ist eine andere Form von Selbstführung.

Verletzlichkeit ist kein Konzept

Über Verletzlichkeit kann man viel lesen.

Man kann Podcasts hören, Bücher lesen und ziemlich kluge Sätze darüber sagen.

Und dann liegt man irgendwann selbst im Krankenhaus und merkt:

Ach.

Das ist also Verletzlichkeit.

Nicht besonders glamourös.

Du bist auf andere Menschen angewiesen. Du kannst nicht alles kontrollieren. Du weißt nicht genau, wie schnell du wieder wirst. Und manchmal musst du etwas sagen wie:

„Ich brauche Hilfe.“

Für jemanden, der gewohnt ist, sein Leben selbst zu organisieren, ist das durchaus eine interessante Erfahrung.

Und sie verändert den Blick darauf, was Menschen brauchen, um sich sicher zu fühlen.

Selbstkontakt beginnt nicht im Kopf

Das klingt für einen Coach mit Kopf-OP fast schon wie ein schlechter Witz.

Aber genau deshalb ist es für mich noch interessanter geworden.

Wir können sehr viel über uns wissen und trotzdem kaum spüren, was in uns passiert.

Wir können wissen:

„Ich habe eigentlich ein Problem mit Grenzen.“

Und trotzdem merken wir erst drei Tage später, dass wir eigentlich Nein sagen wollten.

Wir können wissen:

„Ich wünsche mir Nähe.“

Und gleichzeitig automatisch auf Abstand gehen.

Wir können wissen:

„Ich bin erschöpft.“

Und trotzdem noch schnell die nächste Aufgabe erledigen.

Verstehen ist nicht dasselbe wie Wahrnehmen.

Und Wahrnehmen ist wiederum nicht dasselbe wie Handeln.

Deshalb gehört für mich immer stärker dazu, auch die Signale des Körpers ernst zu nehmen:

Was verändert sich gerade in mir?

Wo werde ich angespannt?

Was fühlt sich nach Ja an?

Was fühlt sich nach Nein an?

Wann wird etwas zu viel?

Wann brauche ich Ruhe, Nähe, Abstand oder Unterstützung?

Das ist Selbstkontakt.

Nicht als Wellnessübung.

Sondern als Grundlage dafür, überhaupt gute Entscheidungen treffen zu können.

Vielleicht müssen wir uns nicht ständig verbessern

Eine Krankheit hat eine unangenehme Eigenschaft:

Sie interessiert sich nicht besonders für dein persönliches Optimierungsprojekt.

Du kannst noch so viel über dich wissen.

Du kannst reflektiert sein.

Du kannst meditieren.

Du kannst Bücher über Bindung, Nervensystem und Selbstwert gelesen haben.

Und trotzdem kann dein Körper sagen:

Heute nicht.

Das hat meinen Blick auf Selbstoptimierung noch einmal verändert.

Ich glaube nicht, dass wir ständig eine bessere Version von uns werden müssen.

Vielleicht geht es viel öfter darum, wieder wahrzunehmen, was tatsächlich da ist – und daraus heraus verantwortlich zu handeln.

Nicht:

„Wie bekomme ich mich endlich in den Griff?“

Sondern:

„Wie kann ich mit mir selbst so in Kontakt sein, dass ich mich nicht ständig gegen mich selbst organisieren muss?“

Was das für meine Arbeit bedeutet

Ich arbeite deshalb nicht weniger strukturiert oder weniger klar als vorher.

Im Gegenteil.

Ich glaube sogar, dass Klarheit wichtiger wird, wenn man nicht mehr versucht, alles zu reparieren.

Wir schauen gemeinsam hin:

  • Was passiert gerade wirklich?
  • Was fühlst du – und was denkst du nur darüber?
  • Was brauchst du?
  • Wo übergehst du dich?
  • Welche alten Muster laufen automatisch ab?
  • Wo verwechselst du Selbstverantwortung mit Selbstüberforderung?
  • Was kannst du beeinflussen?
  • Was kannst du gerade nicht beeinflussen?
  • Wo brauchst du eine Grenze?
  • Wo brauchst du Unterstützung?
  • Und vor allem: Was möchtest du mit deinem Leben eigentlich anfangen?

Nicht irgendwann.

Nicht wenn du endlich „fertig entwickelt“ bist.

Sondern mit dem Leben, das gerade stattfindet.

Ich bin dadurch nicht zum besseren Menschen geworden

Und auch nicht zum besseren Coach, nur weil ich einen Tumor hatte.

Das wäre mir zu einfach.

Die Erfahrung hat mir keine magische Weisheit verliehen.

Aber sie hat einige Dinge, über die ich vorher schon gesprochen und gearbeitet habe, körperlich und existenziell näher an mich herangebracht.

Abhängigkeit.

Verletzlichkeit.

Grenzen.

Hilfe annehmen.

Geduld.

Kontrollverlust.

Dankbarkeit.

Und die ziemlich nüchterne Erkenntnis:

Das Leben lässt sich nicht vollständig planen.

Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.

Vielleicht ist ein gutes Leben nicht das Leben, in dem alles unter Kontrolle ist.

Vielleicht ist es das Leben, in dem wir auch dann mit uns verbunden bleiben können, wenn etwas passiert, das wir nicht kontrollieren können.

Darum geht es in meinem Coaching

Ich begleite Menschen nicht dabei, sich endlich richtig zu machen.

Ich begleite sie dabei, sich selbst wieder ernst zu nehmen.

Ihre Wahrnehmung.

Ihre Gefühle.

Ihre Bedürfnisse.

Ihre Grenzen.

Ihre Geschichte.

Ihre Verantwortung.

Und ihre Fähigkeit, mit all dem in Beziehung zu bleiben.

Denn Selbstkontakt bedeutet nicht, immer zu wissen, was richtig ist.

Es bedeutet, mitzubekommen, was in dir passiert – und zunehmend die Freiheit zu entwickeln, damit umzugehen.

Und manchmal beginnt Veränderung genau dort:

Nicht indem du noch mehr über dich herausfindest.

Sondern indem du aufhörst, dich selbst zu übergehen.