Du weißt ziemlich genau, was du tun solltest. Aber nicht unbedingt, was du selbst willst.
Du kannst dich selbst ziemlich gut kennen und trotzdem erstaunlich wenig mit dir verbunden sein.
Du weißt vielleicht, warum du so reagierst. Du hast Bücher gelesen, Podcasts gehört, deine Kindheit analysiert und vermutlich schon mindestens einmal festgestellt, dass deine Mutter, dein Vater oder deine letzte Beziehung irgendwie damit zu tun haben.
Sehr schön.
Und was fühlst du gerade?
Ähm.
Gute Frage.
Genau hier beginnt Selbstkontakt.
Selbstkontakt bedeutet, mitzubekommen, was in dir passiert: Was du fühlst. Was du brauchst. Was du willst. Was dir zu viel wird. Wo deine Grenzen liegen. Was dich verletzt. Wonach du dich sehnst.
Und vor allem: dich selbst damit ernst zu nehmen.
Nicht jedes Gefühl muss sofort zur Wahrheit erklärt werden. Nicht jeder Impuls braucht eine Handlung. Aber wenn du dich selbst ständig übergehst, wird es schwierig, ein Leben zu führen, das wirklich zu dir passt.
Selbstkontakt klingt kompliziert. Ist es aber eigentlich nicht.
„Selbstkontakt“ klingt ein bisschen nach Coaching-Vokabular.
So, als müsste man dafür morgens auf einem Meditationskissen sitzen und mit geschlossenen Augen seinen inneren Energiehaushalt befragen.
Musst du nicht.
Selbstkontakt kann sehr unspektakulär sein.
Zum Beispiel:
„Ich möchte das eigentlich nicht.“
„Ich bin gerade verletzt und nicht wütend.“
„Ich sage Ja, obwohl ich Nein meine.“
„Ich brauche gerade Abstand.“
„Ich wünsche mir Nähe, habe aber gleichzeitig Angst davor.“
„Ich weiß gerade überhaupt nicht, was ich brauche.“
Auch das ist Selbstkontakt.
Denn du nimmst wahr, was in dir passiert, anstatt automatisch darüber hinwegzugehen.
Selbstkontakt bedeutet: Du bekommst wieder mit, dass du selbst auch noch da bist
Viele Menschen funktionieren hervorragend.
Sie kümmern sich.
Sie arbeiten.
Sie organisieren.
Sie helfen.
Sie halten aus.
Sie sind vernünftig.
Und irgendwann merken sie:
„Moment. Und wo komme ich eigentlich vor?“
Das Problem ist häufig nicht, dass diese Menschen sich selbst nicht kennen.
Sie haben nur gelernt, sich selbst bei wichtigen Entscheidungen nicht besonders viel zu fragen.
Was brauchen die anderen?
Was wird von mir erwartet?
Was ist vernünftig?
Was könnte Ärger geben?
Was muss ich tun, damit ich gemocht werde?
Was darf ich auf keinen Fall verlieren?
Das kann eine Weile ziemlich gut funktionieren.
Bis der eigene innere Kompass irgendwann nur noch „Bitte wenden“ anzeigt.
Selbstkontakt hilft dir, deine Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen
Du kannst eine Grenze nur dann setzen, wenn du überhaupt bemerkst, dass eine Grenze erreicht ist.
Und du kannst deine Bedürfnisse nur vertreten, wenn du sie kennst.
Selbstkontakt bedeutet deshalb auch:
Was brauche ich gerade?
Was möchte ich?
Was möchte ich nicht?
Was ist mir wichtig?
Wo ist meine Grenze?
Und manchmal lautet die ehrlichste Antwort:
„Ich weiß es gerade nicht.“
Auch das ist eine brauchbare Information.
Denn „Ich weiß es nicht“ ist wesentlich ehrlicher als das hundertste automatische „Alles gut“.
Gefühle sind Informationen – keine Befehle
Selbstkontakt bedeutet nicht, jedem Gefühl blind zu folgen.
Wenn du wütend bist, musst du nicht automatisch jemanden anschreien.
Wenn du Angst hast, musst du nicht automatisch weglaufen.
Wenn du traurig bist, musst du nicht sofort dein gesamtes Leben infrage stellen.
Und wenn du jemanden vermisst, bedeutet das nicht automatisch, dass du zu ihm zurück solltest.
Gefühle liefern Informationen.
Sie können dir zeigen, dass etwas wichtig ist, dass eine Grenze überschritten wurde, dass dir etwas fehlt oder dass du dich gerade unsicher fühlst.
Aber ein Gefühl ist ein Signal. Kein Diktator.
Selbstkontakt bedeutet, dieses Signal wahrzunehmen und anschließend entscheiden zu können, was du damit machst.
Selbstkontakt hilft dir, deine eigenen Muster zu erkennen
Warum sage ich immer Ja und ärgere mich anschließend darüber?
Warum ziehe ich mich zurück, sobald jemand mir wirklich nahekommt?
Warum werde ich bei Kritik sofort defensiv?
Warum brauche ich ständig die Bestätigung anderer?
Warum weiß ich genau, was mir nicht guttut – und mache es trotzdem?
Warum kann ich über meine Gefühle wunderbar reden, aber sie kaum spüren?
Das sind keine besonders angenehmen Fragen.
Aber ziemlich nützliche.
Denn zwischen einem automatischen Muster und einer bewussten Entscheidung liegt etwas Entscheidendes:
Wahrnehmung.
Du musst nicht alles sofort verändern.
Aber du musst bemerken, was du tust, wenn du irgendwann etwas verändern möchtest.
Sich selbst verstehen ist wichtig. Sich selbst spüren auch.
Du kannst dich hervorragend analysieren und trotzdem an dir vorbeileben.
Du kannst wissen, dass du Angst vor Nähe hast.
Du kannst wissen, woher sie kommt.
Du kannst die Bindungstheorie dazu erklären.
Du kannst drei Podcasts darüber gehört und vier Bücher darüber gelesen haben.
Und trotzdem sitzt du beim nächsten Menschen wieder da und denkst:
„Warum mache ich das jetzt schon wieder?“
Weil Wissen allein noch keine Veränderung ist.
Selbstkontakt verbindet Denken und Fühlen.
Du verstehst nicht nur:
„Warum bin ich so?“
Sondern bekommst zunehmend mit:
„Was passiert gerade in mir?“
Und daraus kann etwas entstehen, das wesentlich wichtiger ist als noch mehr Selbstoptimierung:
Selbstführung.
Selbstkontakt verändert auch deine Beziehungen
Wenn du selbst nicht weißt, was in dir passiert, wird es schwierig, dich anderen gegenüber klar auszudrücken.
Dann wird aus:
„Ich bin verletzt.“
schnell:
„Du bist immer so.“
Aus:
„Ich brauche gerade Abstand.“
wird:
„Lass mich in Ruhe!“
Aus:
„Ich wünsche mir mehr Nähe.“
wird:
„Dir bin ich offenbar völlig egal.“
Und aus einem eigenen Bedürfnis wird plötzlich ein Vorwurf an den anderen.
Das ist menschlich.
Aber nicht besonders hilfreich.
Je besser du mit dir selbst in Kontakt bist, desto eher kannst du sagen, was tatsächlich in dir passiert.
Nicht perfekt.
Nicht immer ruhig.
Aber zunehmend klarer.
Selbstkontakt bedeutet nicht, ständig um sich selbst zu kreisen
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Selbstkontakt ist nicht:
„Ich fühle mich so, deshalb müssen jetzt alle anderen Rücksicht nehmen.“
Es bedeutet auch nicht, jede Entscheidung danach auszurichten, ob sie sich gerade angenehm anfühlt.
Er bedeutet:
Ich nehme mich wahr. Ich verstehe mich. Ich übernehme Verantwortung für mich.
Und genau deshalb ist Selbstkontakt keine Einladung zu mehr Egoismus.
Im Gegenteil.
Wer sich selbst besser kennt, kann auch die anderen klarer sehen.
Denn dann muss der andere nicht ständig erraten, was in dir eigentlich los ist.
Selbstkontakt schafft einen inneren Bezugspunkt
Vielleicht ist das die einfachste Erklärung:
Selbstkontakt bedeutet, dass du dich selbst wieder als Bezugspunkt in deinem eigenen Leben wahrnimmst.
Nicht ausschließlich die Erwartungen anderer.
Nicht ausschließlich deine Angst.
Nicht ausschließlich dein Verstand.
Nicht ausschließlich alte Erfahrungen.
Und auch nicht jedes Gefühl, das gerade durch dein System rauscht.
Sondern dich.
Mit deiner Geschichte.
Deinen Bedürfnissen.
Deinen Grenzen.
Deinen Gefühlen.
Deinen Widersprüchen.
Deinen Möglichkeiten.
Das ist keine Selbstoptimierung.
Es geht nicht darum, endlich der perfekte Mensch zu werden.
Es geht darum, wieder mitzubekommen, wer du bist, was in dir passiert und wie du dein Leben tatsächlich gestalten möchtest.
Und wenn der Selbstkontakt fehlt?
Dann kann es passieren, dass du dein Leben zwar hervorragend organisierst – aber nicht wirklich darin vorkommst.
Du funktionierst.
Du passt dich an.
Du hältst aus.
Du denkst viel.
Du analysierst.
Du erfüllst Erwartungen.
Und irgendwann kommt vielleicht dieser ziemlich unangenehme Satz:
„Eigentlich läuft mein Leben. Aber irgendwie bin ich selbst darin nicht richtig angekommen.“
Genau hier kann Coaching ansetzen.
Nicht indem ich dir sage, wie du sein solltest.
Sondern indem wir gemeinsam genauer hinschauen:
Was passiert in dir?
Was hast du gelernt?
Welche Muster schützen dich noch heute?
Was brauchst du wirklich?
Wo übergehst du dich selbst?
Und was wäre möglich, wenn du dich nicht länger gegen dich selbst organisieren müsstest?
Denn Veränderung beginnt nicht unbedingt damit, dass du dich endlich besser im Griff hast.
Manchmal beginnt sie viel unspektakulärer:
Damit, dass du dich selbst wieder bemerkst.
Und genau das meine ich mit Selbstkontakt.