Die Beziehung zu dir selbst beginnt nicht erst bei Selbstliebe. Sie beginnt oft bei einem Satz, den niemand außer dir hört.
„Stell dich nicht so an.“
„Das kannst du doch besser.“
„Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“
„Andere kriegen das doch auch hin.“
Vielleicht kennst du solche Sätze. Vielleicht laufen sie bei dir auch ziemlich zuverlässig im Hintergrund mit – wie ein schlecht gelaunter Radiosender, den du irgendwann gar nicht mehr bewusst wahrnimmst.
Dabei ist die Art, wie du mit dir selbst sprichst, alles andere als nebensächlich.
Sie beeinflusst, wie du mit Fehlern umgehst, welche Entscheidungen du triffst, ob du deine Bedürfnisse ernst nimmst, wie du Grenzen setzt und ob du dich selbst als jemanden erlebst, auf dessen Seite du stehen kannst.
Dein innerer Dialog ist Teil deiner Beziehung zu dir
Wir reden viel darüber, wie andere mit uns umgehen.
Ob jemand uns respektiert.
Ob jemand ehrlich ist.
Ob unsere Grenzen akzeptiert werden.
Ob wir uns gesehen und ernst genommen fühlen.
Aber eine entscheidende Beziehung übersehen wir dabei gerne:
die zu uns selbst.
Denn was passiert, wenn du einen Fehler machst?
Sagst du:
„Okay. Das war keine gute Entscheidung. Was ist passiert?“
Oder eher:
„Du bist auch wirklich zu blöd für alles.“
Das Ergebnis mag auf den ersten Blick ähnlich aussehen: Du erkennst, dass etwas schiefgelaufen ist.
Aber innerlich passiert etwas völlig anderes.
Im ersten Fall übernimmst du Verantwortung.
Im zweiten greifst du deine eigene Person an.
Selbstkritik ist nicht dasselbe wie Selbstverantwortung
Ein harter Umgang mit dir selbst wird häufig mit Ehrlichkeit verwechselt.
Aber:
„Ich habe einen Fehler gemacht“
ist etwas anderes als
„Ich bin ein Fehler.“
„Ich habe mich gerade feige verhalten“
ist etwas anderes als
„Ich bin ein feiger Mensch.“
„Ich habe meine Grenze nicht gesetzt“
ist etwas anderes als
„Ich kann mich einfach nie durchsetzen.“
Das eine beschreibt dein Verhalten.
Das andere macht daraus eine Identität.
Und genau da wird es problematisch.
Denn wenn du dich selbst ständig abwertest, wird Entwicklung unnötig schwer. Du musst dann nicht nur ein Verhalten verändern. Du musst gleichzeitig gegen das Bild kämpfen, das du von dir selbst aufgebaut hast.
Wie würdest du mit einem Menschen sprechen, den du liebst?
Eine ziemlich aufschlussreiche Übung:
Stell dir vor, ein guter Freund erzählt dir genau das, was du gerade über dich selbst denkst.
Er hat einen Fehler gemacht.
Er hat jemanden enttäuscht.
Er hat sich nicht getraut, seine Meinung zu sagen.
Er hat wieder Ja gesagt, obwohl er Nein meinte.
Würdest du ihm sagen:
„Was bist du eigentlich für ein Idiot?“
Wahrscheinlich nicht.
Du würdest vielleicht fragen:
„Was ist passiert?“
„Warum hast du das gemacht?“
„Was hattest du eigentlich gebraucht?“
„Was kannst du beim nächsten Mal anders machen?“
Und vielleicht würdest du ihm sogar sagen:
„Du hast Mist gebaut. Aber deshalb bist du kein schlechter Mensch.“
Warum sollte das für dich selbst nicht gelten?
Selbstfreundlichkeit bedeutet nicht, sich alles schönzureden
Selbstmitgefühl wird manchmal mit einer Art innerem Wellnessprogramm verwechselt.
„Ich bin toll.“
„Alles ist gut.“
„Ich darf alles.“
„Ich bin perfekt, genau wie ich bin.“
Kann man machen.
Muss man aber nicht.
Eine gute Beziehung zu dir selbst bedeutet nicht, dass du dir ständig Recht gibst.
Du darfst dich korrigieren.
Du darfst dich hinterfragen.
Du darfst erkennen, dass du dich falsch verhalten hast.
Du darfst dir sogar ziemlich deutlich sagen:
„Das war gerade nicht ehrlich.“
Oder:
„Du weißt eigentlich genau, was du willst. Du hast nur Angst davor, was passiert, wenn du es aussprichst.“
Das ist keine Selbstablehnung.
Das kann Selbstachtung sein.
Denn Selbstachtung bedeutet nicht, immer mit sich zufrieden zu sein. Sie bedeutet, sich auch dann nicht zu entwürdigen, wenn man sich verändern muss.
Was dein innerer Dialog mit deinen Beziehungen zu tun hat
Vielleicht fragst du dich jetzt:
Was hat das mit Beziehung zu anderen Menschen zu tun?
Eine Menge.
Wenn du innerlich ständig lernst, deine Bedürfnisse herunterzuspielen, wirst du es wahrscheinlich auch anderen gegenüber leichter tun.
Wenn du gelernt hast, dass Konflikte gefährlich sind, kann ein einfaches Nein plötzlich riesig werden.
Wenn du deinen eigenen Gefühlen misstraust, suchst du vielleicht ständig die Bestätigung anderer.
Wenn du dich selbst schnell verurteilst, kann Kritik von außen besonders hart treffen.
Und wenn du innerlich kaum auf deiner eigenen Seite stehst, kann die Angst, jemanden zu verlieren, schnell wichtiger werden als die Frage:
„Was ist eigentlich für mich richtig?“
Dann wird Beziehung schnell zu Anpassung.
Und Anpassung kann verdammt gut aussehen.
Man funktioniert.
Man ist freundlich.
Man ist verständnisvoll.
Man macht keinen Stress.
Und irgendwann merkt man:
„Irgendwie komme ich selbst in meinem eigenen Leben nicht mehr vor.“
Die entscheidende Frage ist nicht: Denkst du positiv?
Viel interessanter ist:
Kannst du dir selbst zuhören, ohne dich sofort zu verurteilen?
Kannst du merken, dass du traurig bist, ohne dich dafür schwach zu nennen?
Kannst du Angst haben, ohne dich dafür lächerlich zu machen?
Kannst du etwas wollen, ohne sofort zu überlegen, ob andere das gut finden?
Kannst du einen Fehler anschauen, ohne dich selbst dafür fertigzumachen?
Kannst du deine Meinung ändern, ohne dich für inkonsequent zu halten?
Und kannst du dir selbst sagen:
„Ich verstehe gerade noch nicht, was mit mir los ist. Aber ich nehme mich ernst genug, um hinzuschauen.“
Das ist Selbstkontakt.
Vielleicht brauchst du keine bessere Version von dir
Vielleicht brauchst du auch nicht noch mehr Selbstoptimierung.
Vielleicht brauchst du zunächst eine andere Beziehung zu dem Menschen, der bereits da ist:
zu dir.
Nicht perfekt.
Nicht immer souverän.
Nicht immer emotional aufgeräumt.
Sondern ehrlich.
Mit deinen Bedürfnissen, Grenzen, Ängsten, Widersprüchen, Gefühlen und Entscheidungen.
Denn Veränderung beginnt nicht zwangsläufig damit, dass du dich endlich besser im Griff hast.
Manchmal beginnt sie damit, dass du aufhörst, dich selbst ständig gegen dich zu verwenden.
Und genau da können wir hinschauen.
In meiner Arbeit geht es nicht darum, dir beizubringen, wie du dich möglichst positiv findest.
Es geht darum, deine Beziehung zu dir selbst besser zu verstehen:
Welche alten Muster laufen noch mit?
Und wie kannst du lernen, dich selbst ernst zu nehmen, ohne dich dabei um dich selbst zu drehen?
Wenn du nach außen funktionierst, aber innerlich merkst, dass du dich selbst dabei immer weniger spürst, lohnt sich genau dieser Blick.
Nicht, um eine bessere Version von dir zu werden.
Sondern um wieder mehr bei dir anzukommen.