Marc Alexander Holtz — Unternehmertum befähigen // Strategie & Ausführung reflektieren // Denkweise & Inspiration stärken // Kommunikation & Zuhören verbessern // Geschäft & Resonanz erweitern // Misserfolg & Erfahrung nutzen // Veränderung trotz Sicherheit //

SchlagwortCompanybuilding

Produkttest: Eine Party für Probleme

Unternehmen wollen inno­v­a­tiv sein oder es wer­den. Zumin­d­est will man in jedem Unternehmen auch zukün­ftig funk­tion­ierende Pro­duk­te, Dien­stleis­tun­gen oder Ser­vices. Ideen und Pro­to­typen benöti­gen Tests. Pro­duk­ttests scheinen aber für einige Unternehmen eine Über­forderung. Es man­gelt an Zeit, Geld und Methodik, um aus guten bessere oder aus alten inno­v­a­tive Pro­duk­te zu entwick­eln. Anna Groos liebt und ken­nt den Bedarf. Sie weiß wie man Pro­duk­te und Pro­duk­tideen von Star­tups oder Unternehmen mit Spaß und Kost­barkeit­en auf ihre Fit­ness hin unter­sucht. Kosten­los, ohne eige­nen Aufwand vor Ort, bei Piz­za und Bier. Ein Inter­view.

Marc: Du hast Online-Jour­nal­is­mus studiert, warst Bera­terin in ein­er Kom­mu­nika­tion­sagen­tur, bist Mut­ter, Free­lancerin und gle­ichzeit­ig Teilzeitkraft in ein­er Dig­i­ta­la­gen­tur? Und du organ­isierst Usabil­i­ty-Tests.

Anna: Ja., ich habe Online-Jour­nal­is­mus mit Schw­er­punkt Online-PR studiert. Danach war ich in Agen­turen. Habe unter anderem eine Dig­i­tal-Unit für eine Cor­po­rate Pub­lish­ing-Agen­tur mit aufge­baut, mich in einem Dig­i­tal Lab in lean­er Pro­dukt- / und Geschäftsmod­el­len­twick­lung pro­biert oder war Free­lancerin im Bere­ich Konzept und Text. Jet­zt bin ich bei quäntchen + glück, ein­er Dig­i­ta­la­gen­tur.

Marc: Wenn ich deine Pro­jek­te und The­men aneinan­der­rei­he klingt das so:

Usabil­i­ty Testessen, Vor­sitzende Dig­i­tale Darm­stadt, dort den zwei­jähri­gen Web­mon­tag, New Work, PR-Nach­wuchs-Intia­tive #30u30, Dig­i­tal­camp, quäntchen + glück, dort “internes Start­Up” das sich deinen Aus­sagen zufolge zu einem Ideeninku­ba­tor ver­wan­delt hat. Zudem die The­men lean und agil. Wofür schlägt dein Herz am meis­ten?

Anna: Die Rei­hen­folge ist schwierig, die ändert sich ständig. Es gibt viele Ideen. Aber mit Kleinkind am Ende zu wenig Zeit für alles.

Mir macht die Arbeit mit der Dig­i­tal­en Darm­stadt sehr Spaß. Weil in diesem Vere­in so tolle, kreative Leute steck­en. Gemein­sam organ­isieren wir seit zwei Jahren den Darm­städter Web­mon­tag. Mich inter­essiert die Frage, wie man Arbeitsweisen aus dem Lean Start­up in klas­sis­che Unternehmen inte­gri­eren kann. Und wie man hin­bekommt, dass sich auch Kom­mu­nika­tion­s­abteilun­gen mehr mit Ziel­grup­pen-Explor­ing und Ideen-Fas­saden beschäfti­gen. Eine Denkweise, die vielle­icht in vie­len Pro­duk­t­man­age­ment-Abteilun­gen angekom­men – in der Kom­mu­nika­tion­s­abteilung aber noch keineswegs ver­bre­it­et ist.

Verlasse früh deinen Schreibtisch!

Marc: Ziel­grup­pen-Explor­ing und Ideen-Fas­saden, was ver­stehst du darunter?

Anna: Im Prinzip kann man das in einem Satz zusam­men­fassen: Ver­lasse früh deinen Schreibtisch!

Klas­sis­che Konzepte entste­hen noch oft in einem Büro – ohne dass der/die Konzepter/in jemals mit der Ziel­gruppe Kon­takt hat­te oder getestet hat ob eine Idee den Nerv der­sel­ben trifft.

Ein Beispiel dafür ist vielle­icht unser Usabil­i­ty Testessen.

Marc: Sprich draußen mit den Kun­den oder die die es wer­den wollen, Aus­tausch ini­ti­ieren?

Anna: Wir haben es ursprünglich ins Leben gerufen um Web­sites, Apps und andere dig­i­tale Pro­duk­te an Nutzer­grup­pen zu testen. Zuerst nur unsere eige­nen, später auch bei Agen­turen und Unternehmen. Mit­tler­weile ist uns klar, dass man damit mehr machen kann. Beim let­zten Testessen in Darm­stadt haben wir beispiel­sweise nur ein grobes Home­page-Konzept auf Akzep­tanz und Ver­ständ­nis getestet. Mit Usabil­i­ty hat­te das wenig zu tun aber es war wichtig, schon an diesem Punkt den Schreibtisch zu ver­lassen und die Idee der Start­seite an echt­en Men­schen zu testen.

Nutzer und Entwickler kommen zusammen

Marc: Ziel­grup­pen Explor­ing dürfte manchen Unternehmen aufwendig erscheinen. Ich ver­mute deswe­gen habt ihr beim Konzept des “Testessens” eine Idee entwick­elt, wie die poten­tiellen User in die Unternehmen kom­men?

Anna: Ziel­grup­pen-Explor­ing ist aufwändig, ja. Das kann in Gänze auch das Testessen keines­falls erset­zen. Das Usabil­i­ty Testessen ist höch­stens eine Ergänzung in bes­timmten Pro­jek­t­phasen. Die tiefe Beschäf­ti­gung mit der Ziel­gruppe und das Ver­ständ­nis ihrer Ziele und Bedürfnisse ist immer ein Stück Arbeit.

Beim Testessen geht es eigentlich vor allem darum Usabil­i­ty-Fehler her­auszufind­en. Das Konzept kurz erk­lärt: Nutzer und Entwick­ler kom­men zusam­men und machen gemein­sam ihre Pro­duk­te nutzer­fre­undlich­er. Wir haben dafür eine Art Speed-Test­ing entwick­elt, in dem an einem Abend pro Test­sta­tion sechs Nutzer mit der Think­ing-Aloud-Meth­ode Web­sites, App oder Wire­frames testen kön­nen. Meist wieder­holen sich die Fehler nach der drit­ten oder vierten Runde schon und man bekommt viele unge­filterte Insights darüber, wo es noch klemmt.

Wir beobacht­en, dass sich im Ver­lauf der Zeit das Ver­hält­nis zum Entwick­lung­sprozess von dig­i­tal­en Pro­duk­ten verän­dert. Die Organ­i­sa­tio­nen binden Nutzerin­nen und Nutzer immer früher und immer mehr mit ein. Weil sie wis­sen dass es etwas bringt. Einige Unternehmen machen mit­tler­weile kleine eigene Testessen mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen in der Kan­tine.

Wenn’s ein Problem gibt, mach eine Party draus

Marc: Das klingt, wen­ngle­ich auch kein voll­w­er­tiger Ersatz, wie du sagst, für das Explor­ing der Ziel­gruppe, nach instant User-Nähe!

Usabil­i­ty Testessen Kosten­punkt für das Unternehmen: Bier und Piz­za für die Gäste? Gibt es das in ganz Deutsch­land oder wie organ­isiert ihr die Com­mu­ni­ty der Test-User?

Anna: User-Nähe bedeutet es auf jeden Fall. Ursprünglich hat mein Kol­lege und Fre­und Philipp (@unparteiisch) das Testessen ins Leben gerufen, weil er das Prob­lem hat­te, nicht genü­gend unter­schiedliche Test­nutzer für seine App zu find­en. Und nach dem Mot­to “Wenn’s ein Prob­lem gibt, mach eine Par­ty draus” haben wir Piz­za und Bier hinzuge­fügt – und schwup­ps, kamen die Leute gern vor­bei, um in unbekan­nte Pro­duk­te reinzuschnup­pern oder ihre eige­nen Pro­duk­te zu testen.

Wenn Unternehmen Gast­ge­ber eines Testessens wer­den wollen, bedeutet das für sie kaum Aufwand. Wir übernehmen die kom­plette Organ­i­sa­tion und die Teil­nehmer­akquise. Mit­tler­weile haben wir recht starke Verteil­er aufge­baut. Unternehmen bestellen nur Piz­za, Bier und Brause für alle und den Rest organ­isieren wir. Wer Lust hat, Gast­ge­ber zu wer­den, kann sich hier »> mal umschauen.

Vor etwa zwei Jahren haben wir uns entsch­ieden, das Testessen unter CC-Lizenz zu stellen und das Konzept inklu­sive aller Mate­ri­alien für andere Teams zugänglich zu machen. Wir wollen mit Nutzer­fre­undlichkeit das Land über­schwem­men und dig­i­tale Pro­duk­te über­all bess­er bedi­en­bar machen.

Da wir im Kern-Team in Darm­stadt nur drei Per­so­n­en sind und somit max­i­mal sechs Arme haben, freuen wir uns über Teams, die das Testessen in ihre Stadt holen wollen. Mit­tler­weile gibt es Usabil­i­ty Testessen in ganz Deutsch­land und sog­ar eins in Öster­re­ich. Die Teams arbeit­en autark, wir ste­hen aber in ein­er Slack-Gruppe in per­ma­nen­tem Aus­tausch.

Das Usabil­i­ty Testessen ist auf jeden Fall ein Herzen­spro­jekt, das sehr viel Spaß macht.

Dialog: Darum geht es im Kern

Marc: Das frühzeit­ige Ver­ständ­nis für Ziel­grup­pen ist für alle Unternehmen jeden Alters rel­e­vant. Ist es durch die Dig­i­tal­isierung schwieriger gewor­den Ziel­grup­pen zu durch­leucht­en bzw. sie aufzufind­en, um sie dann zu ver­ste­hen?

Anna: Ich glaube, das kann man so pauschal nicht sagen. Es kommt auf die jew­eilige Ziel­gruppe an. In einem aktuellen Pro­jekt beste­ht die Ziel­gruppe aus Maler­meis­tern – der Kun­den­ziel­gruppe des Unternehmens, das uns beauf­tragt hat. Zu der hat­ten sie ohne­hin via Ver­trieb Kon­takt, nutzten diesen Kon­takt aber nicht wirk­lich bei der dig­i­tal­en Pro­duk­ten­twick­lung. Da war es ein­fach Kon­takt herzustellen, Inter­views zu führen und gemein­same Ideen-Work­shops zu machen.

Bei Unternehmen die ihre Ziel­gruppe nicht genau ken­nen, ist der Dia­log natür­lich schwieriger. Denn darum geht es im Kern. Ich bin überzeugt, dass quan­ti­ta­tive Dat­en die man heute durch Recherche recht leicht erheben kann, immer mit qual­i­ta­tiv­en Dat­en aus Inter­views ergänzt wer­den müssen, um Ver­ständ­nis zu entwick­eln.

Ein Beispiel aus einem Testessen: Ein Teil­nehmer testete seinen Online Shop. Laut Google Ana­lyt­ics gab es im Check­out einen But­ton, den jed­er Nutzer klick­te. Der erfol­gre­ich­ste But­ton des ganzen Shops. Während des Testessens stellte sich her­aus, dass genau dieser But­ton zwar von allen gek­lickt wurde – allerd­ings immer mit dem Ausspruch “Häää, wassn das für’n But­ton?! Ich klick mal da drauf.” Reine Ana­lyt­ics-Dat­en waren in dem Fall also kom­plett wert­los.

Marc: Eine bessere Qual­ität­sprü­fung für einen Sta­tus quo in Sachen Pro­duk­ten­twick­lung und Usabil­i­ty gibt es kaum. Die Kosten sind mehr als über­schaubar. Jedes Unternehmen kann das Testessen für seine dig­i­tal­en Pro­duk­te oder Dien­stleis­tun­gen bestellen? Gle­ich wo man in Deutsch­land sitzt?

Anna: “Bestellen” kann man Testessen nicht. Man kann sich höch­stens als Gast­ge­ber bewer­ben. Die Teil­nehmer sind meist ran­dom aus­gewählt. Wir acht­en nur darauf, nicht zu viele “Experten” einzu­laden und die Gruppe im Alter und Geschlecht möglichst divers zu gestal­ten.

Das Produkt muss nicht fertig sein — eine grobe Idee reicht aus

Marc: Kom­men wir auf den zweit­en Punkt, die “Ideen-Fas­saden” zu sprechen: Was genau ver­stehst du darunter?

Anna: Manch­mal hat man eine Pro­duk­tidee, von der man überzeugt ist, dass es genau die Idee ist, auf die die Men­schheit gewartet hat. Eine App, ein Shop oder eine Dien­stleis­tung vielle­icht. Doch die zu entwick­eln würde sehr viel Zeit und Geld kosten. Was wir stattdessen tun ist eine Fas­sade aufzubauen. Ähn­lich wie in einem West­ern, in dem die Haus­fas­saden nur aus Pappe beste­hen, teasern wir das Pro­dukt auf ein­er Land­ing Page, einem Fly­er oder in einem Video an und messen das Echo aus der Ziel­gruppe. Würde wirk­lich jemand den “Jet­zt kaufen”- oder den “Download”-Button klick­en? Wenn ja, dann ist das ein gutes Zeichen dafür, dass das Pro­dukt Erfolg haben kann. Wenn nicht, kann man mit wenig Aufwand fein­justieren und es noch ein­mal ver­suchen.

Hin­ter dem “Jet­zt kaufen”-Button ver­steckt sich meist nur ein Dialogfeld (“Cool dass du dich für Pro­dukt XY inter­essierst, gib uns deine Mailadresse, wir melden uns, wenn wir so weit sind”).

Das heißt, das Pro­dukt muss dafür nicht fer­tig sein. Eine grobe Idee reicht aus. Im Entwick­lung­sprozess ste­ht die Fas­sade noch vor dem Pro­to­typen. Sie ist qua­si der “Proof of Kaufen” für das Konzept. Dann erst kann man über Flows oder Design nach­denken.

Mein Lieblings-Pod­cast KPKP hat sich auch mit Fas­saden beschäftigt, falls es jeman­den näher inter­essiert »>

Marc: Wie gener­iert ihr die Ziel­gruppe? Baut ihr die Com­mu­ni­ties auf? Und was kostet mich das als Ideenge­ber, Grün­der, Pro­duk­ten­twick­ler?

Anna: Man muss kreativ sein. Manch­mal helfen uns sim­ple Dinge wie Google- oder Face­book-Ads. Die sind leicht auf bes­timmte Ziel­grup­pen zuzus­pitzen und man kann sie fein­justieren, wenn sie nach ein­er bes­timmten Zeit nicht funk­tion­ieren.

Manch­mal ist die Ziel­gruppe aber auch lokaler, dann lohnt sich vielle­icht ein Fly­er oder ein Aushang in der Stadt. Dann ist der “Proof of Kaufen” vielle­icht ein Event, an dem man das “Pro­dukt” vorstellen möchte. Das bewirbt man beispiel­sweise auf dem Fly­er und schaut, wie viele Leute zum Event zusagen. Mit denen kann man dann direkt das erste Fokus­grup­penge­spräch machen. Denn es sind ja genau die Leute, die sich für dein Pro­dukt inter­essieren.

Die Kosten sind unter­schiedlich. Als Start­up kann man sehr wahrschein­lich alles selb­st machen, wenn man bei der Fas­sadengestal­tung kreativ ist. Oft kann man ein­fache Designs kaufen oder Word­Press Themes benutzen. Es geht ein­fach darum, dass es nicht zu bil­lig aussieht und man das Grund­konzept der Idee ver­ste­ht. Mehr muss erst mal nicht dahin­ter ste­hen. Je sim­pler desto bess­er.

Marc: Sind das Usabil­i­ty Testessen und die Ideen Fas­saden für dein Net­work­ing oder wer prof­i­tiert eigentlich von dem ganzen Aufwand?

Anna: Wir set­zen Fas­saden tat­säch­lich in Kun­den­pro­jek­ten ein um ver­schiedene Ideen an ver­schiede­nen Ziel­gruppe zu testen.

Das Usabil­i­ty Testessen ist natür­lich für das eigene Net­zw­erk gut (wobei für mich immer der Spaß im Vorder­grund ste­ht). Es gibt mit­tler­weile aber auch die Möglichkeit, ein von quäntchen + glück organ­isiertes “Cor­po­rate-Testessen” im eige­nen Unternehmen mit ein­er zum Pro­dukt und Unternehmen passenden Ziel­gruppe zu real­isieren. Dann natür­lich nicht nur für Piz­za und Bier.

Marc: Meinen Dank für diesen kleinen span­nen­den Ein­blick.

Anna: Es hat mich gefreut!

Ohne Bekanntheit keinen Markt

Die Berlin­er Pro­fes­sorin Angela Bit­tner-Fes­sel­er unter­sucht die Kom­mu­nika­tion und Image­bil­dung von Star­tUps. “Jung, wild und nur nicht offline – wie Start-ups kom­mu­nizieren, lautete der Titel ein­er von ihr ini­ti­ierten Studie aus dem Jahr 2014. Aktuell arbeit­et Bit­tner-Fes­sel­er an einem Prax­is­hand­buch zur Image­bil­dung von Star­tUps. Angela und ich haben uns über die Rel­e­vanz von Kom­mu­nika­tion und Image­bil­dung als Erfol­gs- und Wach­s­tums­fak­tor unter­hal­ten.


Marc Alexan­der Holtz: Als Pro­fes­sorin unter­richt­est du heute welche The­men?

Angela: Unternehmen­skom­mu­nika­tion und PR. Beispiel­sweise wie ein Image entste­ht, wie man es bee­in­flusst oder wozu man als Unternehmen eine Rep­u­ta­tion benötigt.

Marc: Was fasziniert dich am The­ma Rep­u­ta­tion wis­senschaftlich gese­hen?

Angela: Rep­u­ta­tion kann wie ein Schwimm­ring wirken, wenn man zum Beispiel in ein­er Krise steckt. Und der Jour­nal­ist, der den Press­esprech­er oder CEO schon lange ken­nt, nicht das schlimm­ste ver­mutet, son­dern darauf ver­traut, dass man ihn kor­rekt und trans­par­ent informiert.

Das The­ma hat viele Facetten: gle­ich­es gilt bei Liefer­an­ten, bei Mitar­beit­ern, die nicht gle­ich kündi­gen etc. Der Job der Wis­senschaft: Das mit Stu­di­en zu bele­gen.

Marc: Deine Forschung legt Fokus auf die Kom­mu­nika­tion von Star­tups. Was genau ver­suchst du her­auszufind­en?

Angela: Span­nend bei Star­tups ist, dass sie zunächst ein­mal kein Image haben. Wie auch: kein­er ken­nt sie, sie begin­nen erst durch ihre Kom­mu­nika­tion bekan­nt zu wer­den. Men­schen bekom­men einen Ein­druck, ein Bild – also Image – von ihnen. Und hier unter­suche ich, ob es für Star­tups einen opti­malen Weg dabei gibt. Da das schw­er nachzu­vol­lziehen ist, kann man ver­suchen das beispiel­sweise anhand ihrer Kom­mu­nika­tion mit Jour­nal­is­ten zu analysieren.

Das Image gehört einem nicht

Marc: Wer kom­mu­niziert hat automa­tisch ein Image? Und ohne Image kein Erfolg oder Vorankom­men?

Angela: Ja. Schon. Aber das Image von ihm hat der andere. Also das Image gehört einem nicht. Jemand, den man nicht ken­nt, über den man bish­er nichts gehört hat, von dem hat man auch kein Image.

Erfolg hängt dann an einem pos­i­tiv­en Bild. Und das ist zumin­d­est ein Poten­zial für Wach­s­tum.

In der Hand haben, wie die Welt einen sehen soll

Marc: Das bedeutet, man sollte sich frühzeit­ig um eine eigene Erzählweise bemühen, sprich, den Nar­ra­tiv (kann man das so sagen) in der Hand behal­ten und zuse­hen, dass er draußen ein tolles Bild zeich­net.

Angela: Ja: GANZ früh. Qua­si sofort. Stu­den­ten von mir haben gegrün­det und ich habe sie inter­viewt. Im Gespräch haben sie ver­standen, dass der Fir­men­name keine Spiel­erei ist. Eben­sowenig wie die URL ihrer Web­site, die Mailadresse, die Lage des Büros – ja sog­ar die Büroein­rich­tung. Sprich, es gibt eine Rei­he Fak­toren die einen ein chao­tis­ches, ein kreatives oder ser­iös­es Image geben kön­nen. All das begleit­et einen über Jahre. Daran wird man vom ersten Tag an gemessen, sobald man mit sein­er Idee auf andere trifft. Und plöt­zlich haben die ein Bild von mein­er Idee, von meinem Start­up.

Und Nar­ra­tive: ja, kann man so sagen. Es bedeutet, in der Hand zu haben, wie die Welt einen (im Ide­al­fall) sehen soll. Also wie man wahrgenom­men wird. Dazu sollte man sich sofort Gedanken machen.

Sobald gegründet wird, ist das Unternehmen in der Welt und wird bewertet

Marc: Man kann dem­nach als ein neues Unternehmen auch zu spät anfan­gen zu kom­mu­nizieren?

Angela: Genau. Kann man. Zu spät meint: pro­fes­sionell zu spät. Kom­mu­nizieren “tut” der Grün­der von dem Moment an, in dem er seine Idee mit anderen bespricht. Wenn er poten­zielle Förder­er, Mit­stre­it­er oder ähn­lich­es trifft. So teilt sich auch die Kom­mu­nika­tion ein:

1. Im stillen Käm­merchen ist das keine PR.

2. Sobald er in Grün­dung geht, geht er raus. Dann ist das Unternehmen in der Welt. Die Idee wird bew­ertet, er wird bew­ertet hin­sichtlich Glaub­würdigkeit, Ver­trauenswürdigkeit etc. Durch Inve­storen, poten­tielle Mitar­beit­er, Testkun­den und andere. Hier brauchen Grün­der wirk­lich Kom­mu­nika­tion. Gut und strate­gisch aufge­set­zte und pro­fes­sionelle Kom­mu­nika­tion muss aber keines­falls über­bor­dend sein.

3. Dann begin­nt das Wach­s­tum, hof­fentlich. Das sollte schon in durch­dacht­en Struk­turen und For­men stat­tfind­en, immer unter dem Impe­tus: wie trägt die Kom­mu­nika­tion zur Erfül­lung der Unternehmensstrate­gie bei.

Und in diesen Rollen wird Kom­mu­nika­tion oft extrem unter­schätzt. Sie ist ein erfol­gskri­tis­ch­er Fak­tor!

Ohne Bekanntheit keinen Markt

Marc: Worin siehst du bei Star­tups die größten Her­aus­forderun­gen in Sachen Kom­mu­nika­tion: Ressourcen­man­gel, Man­gel an Know-How, die Kom­plex­ität der kom­mu­nika­tiv­en Optio­nen oder im Fak­tor des Sich-organ­isieren-kön­nens?

Angela: In Inter­views mit Grün­dern zeigt sich immer wieder, dass sie keine Zeit für Kom­mu­nika­tion find­en. Andere Dinge scheinen wichtiger zu sein. Und plöt­zlich stellen sie fest: ohne Bekan­ntheit keinen Markt.

Dazu kommt, dass die “alte” Mar­ket­inglehre immer gesagt hat: achtet in eurem Busi­ness­plan auf die 4 P’s. Das ist ver­al­tet. Genau­so wie erst Mar­ket­ing, dann PR. Und auch erst wenn Zeit und Geld dafür da ist. Gren­zen ver­schwim­men heute. Der Grün­der muss nicht mehr alles nach Lehrbuch abar­beit­en. Er kann agil, er kann kreativ sein oder ein­fach auswählen was er braucht.

Kom­mu­nika­tion ist ein fließen­der, ein beglei­t­en­der Prozess mit per­ma­nen­ter Anpas­sung. Wie beim Star­tups selb­st auch: Ein Star­tups ist keine Kopie eines großen Unternehmens. Es verän­dert sich andauernd. Mit­ten im Tun.

Eine erste Strategie sollte kurzfristig definiert, dann immer überprüft und moderat angepasst werden

Daher würde ich immer vorschla­gen, Grundle­gen­des für sich zu definieren – wer bin ich, wie möchte ich wahrgenom­men wer­den, was habe ich etc. Eine erste Strate­gie sollte kurzfristig definiert wer­den. Und dann immer über­prüfen, ob sie funk­tion­iert und sie mod­er­at anpassen.

Die Chance beste­ht darin, dass sie zu Beginn noch keinen Ruf haben. Später wer­den sie an den Aus­sagen ihrer Anfangszeit gemessen wer­den.

Marc: Kann man sagen, welche Ziel­grup­pen für Star­tups zu Beginn von beson­der­er Rel­e­vanz sind? Ist es immer Kunde und Neugeschäft oder sind es Medi­en für Bekan­ntheit und Reich­weite?

Angela: Meine Beobach­tun­gen zeigen, dass es stark vom Busi­ness und der Finanzierung abhängt. Ein eigen­fi­nanziertes Start­up im B2B-Bere­ich muss in der Grün­dungsphase anders agieren als eines mit großen Investi­tio­nen im B2C-Bere­ich.

Medien sind oft der erfolgsrelevante Faktor für Bekanntheit

Man kön­nte unge­fähr sagen, dass Markt‑, Finanz- und Mitar­beit­erkom­mu­nika­tion die drei wichtig­sten Felder sind, weil daran die meis­ten Star­tups scheit­ern, zeigte eine amerikanis­che Unter­suchung 2014. Die Medi­en sind oft der erfol­gsrel­e­vante Fak­tor für Bekan­ntheit: die klas­sis­chen Medi­en und die sozialen Medi­en. Wobei sich heutzu­tage bei­de gegen­seit­ig befrucht­en.

Angela: Diese Stake­hold­er soll­ten alle zu Beginn ” bear­beit­et” wer­den – also pro­fes­sionell agieren (und sich im Zweifels­fall dabei helfen lassen). Ins­beson­dere Jour­nal­is­ten wer­den da schnell mal ungnädig, auch wenn Grün­der vielerorts Welpen­schutz genießen.

Marc: Wo find­en Star­tups bzw. Entre­pre­neure oder die Kom­mu­nika­toren in den jun­gen Unternehmen Hil­festel­lung? Was emp­fiehlst du ihnen? Net­zw­erken? Ein­fach machen? Gle­ich­gesin­nte find­en? Insti­tu­tio­nen?

Angela: Zum einen empfehle ich ihnen, sich – wie auch in anderen Diszi­plinen – Grund­wis­sen anzueignen, denn sie machen ja noch viel selb­st, z. B. dass sie Inter­views geben, aber keinen Press­esprech­er als Berater und kom­pe­ten­ten Spezial­is­ten an ihrer Seite haben. Das Kom­mu­nika­tion­swis­sen kann dabei dur­chaus aus Büch­ern stam­men, zudem gibt es spezial­isierte PR-Agen­turen, die spezielle Pakete oder Work­shops zum The­ma Kom­mu­nika­tion für Star­tups bere­i­thal­ten, meist bezahlbar.

Kol­le­giale Beratung von Grün­dern mit Erfahrung ist auch gut.

Es gibt keinen Königsweg. Man sollte in Abwä­gung von Ressourcen entschei­den. Beispiel­sweise wenig Zeit aber etwas Geld: Dann Kom­pe­tenz einkaufen.

Wenig bis kein Geld: Dann benötigt man Zeit, muss Gespräch suchen, kol­le­giale Beratung in Anspruch nehmen, selb­st ler­nen.

Und auch die Entwick­lungsphase ist ein wichtiger Fak­tor, weil manche Stake­hold­er in bes­timmten Phasen kein oder aber ein erfol­gsentschei­den­der Fak­tor sind. Doch eines ist sich­er: Das Kom­mu­nika­tions-Wis­sen lohnt sich.

Marc: Liebe Angela, es war mir ein Bedürf­nis dich “gesprochen” zu haben und ich hoffe, wir set­zen das ander­norts fort! Danke bis hier!

Angela: Juti! Ganz mein­er­seits, span­nend!

Web­site Angela Bit­tner
Studie “Unternehmen­skom­mu­nika­tion von Star­tUps in der Prax­is” (2014)

»

Alle “60 Minuten Slack”-Inter­views

Marc Alexan­der Holtz ist Spar­ringspart­ner für Star­tUps und KMUs in den Bere­iche Busi­ness Devel­op­ment, Ver­trieb, strate­gis­che Kom­mu­nika­tion und Con­tent Mar­ket­ing. Er doziert, gibt Work­shops und Inhouse-Schu­lun­gen für Grün­derteams, Co-Work­ing-Spaces und KMUs. Bei der dpa-Tochter news aktuell machte er Ver­trieb, entwick­elt im Dig­i­tal­bere­ich Geschäfts­felder und arbeit­et derzeit im Pro­duk­t­man­age­ment.

Stalk me on all the socials: Insta­gramm, LinkedIn, medi­um, RefindTwit­ter, Xing, YouTube

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken