Unternehmertum befähigen // Strategie & Ausführung reflektieren // Denkweise & Inspiration stärken // Kommunikation & Zuhören verbessern // Geschäft & Resonanz erweitern // Misserfolg & Erfahrung nutzen // Veränderung trotz Sicherheit //

Das Beste im Menschen

Ann will zur Welt kom­men, als ihre Mut­ter 19 km ent­fer­nt von Zuhause ihre Fre­undin in Wurzen besucht. Die Wehen ent­lassen Ann in einem August des 20 Jahrhun­derts aus dem Bauch ihrer Mut­ter. Sie kommt mit Sauer­stoff­man­gel, Herzfehler und eine Rechen­schwäche in diese Welt und in ein leis­tung­sori­en­tiertes Eltern­haus.  

Ihre Eltern steck­en sie in einen Montes­sori-Kinder­garten, mit dem Cre­do „Hilf mir, es selb­st zu tun“.

Weil die Eltern es wün­schen begin­nt sie Leis­tungss­port im Vere­in. Das, den Eltern zufolge, garantiert die Gesund­heit ihrer Tochter. Anns Sauer­stoff­man­gel ist der Eltern Sorge. Man will der Furcht vor möglichen Schwächen mit Leis­tung ent­geg­nen. Sie glauben daran, weil sie es vielle­icht nicht bess­er wis­sen.

Vor der Ein­schu­lung beherrscht Ann das Lesen und besucht, da ihre Eltern es sich wün­schen, Förder­pro­gramme, um bess­er zu sein als sie schon ist. Die Eltern wollen ihre Tochter vor einem zukün­ftig schw­eren Leben schützen. Ann wird später oft denken, dass sie nicht gut genug ist – wenn etwas uner­wartet schlecht aus­ge­ht, find­et Ann die Schuld bei sich.

In der Schule fällt nur auf, dass sie nicht musikalisch ist. Auf­grund der Rechen­schwäche, die den kryp­tis­chen Namen Dyskalkulie trägt, ist sie wed­er rhyth­misch noch kann sie Takt zählen. In Heimatkunde sieht sie sich gezwun­gen Land­karten auswendig zu ler­nen, da Dyskalku­lanten das räum­liche Vorstel­lungsver­mö­gen fehlt. In Math­e­matik erhält sie die Grund­schulzeit über eine Eins. Ann rech­net nicht, sie lernt alle Auf­gaben auswendig.

Ab der fün­ften Klasse geht Ann auf das Gym­na­si­um. Ihr Ehrgeiz fängt Feuer, zumin­d­est um diesel­ben Ergeb­nisse wie andere zu erzie­len. Anders als ihre Fre­unde muss Ann nach­mit­tags dafür ler­nen. Für Hausauf­gaben, die Fre­unde in den Pausen machen, benötigt sie Stun­den. Sie for­muliert die Englisch-Hausauf­gaben ander­er und erhält dafür von ihnen Mathe-Lösun­gen. Wenn Lehrer die Rechen­wege erfra­gen, schweigt sie bis andere antworten müssen oder wird, wenn das nicht aus­re­icht, hyper­ak­tiv. Ihre Ver­hal­tens-Note weicht von denen der Klassenkam­er­aden ab. Ann bemerkt das Ander­sar­tige, weiß aber nicht wie sie es nen­nen und mit wem sie darüber sprechen soll.

Bei ihrem Brud­er diag­nos­tiziert man zu dieser Zeit Legas­the­nie. Eine Leseschwäche, die auch beim Onkel und dessen Tochter auf­fällt. Eine zusät­zliche Belas­tung für das leis­tung­sori­en­tierte Eltern­haus.

Ann wird in die sech­ste Klasse ver­set­zt. Taschen­rech­n­er und Geografie sind neu. In Geografie fällt ihr auf Land­karten die Ori­en­tierung schw­er. In Kun­st kann sie Räum­lichkeit nicht zeich­nen. In ihrem Kopf entste­hen Bilder, die sie nicht wie andere aufs Papi­er brin­gen kann. Das Gehirn eines Dyskaku­lanten hat kein räum­lich­es Vorstel­lungsver­mö­gen, kann Räum­lichkeit nicht auf Papi­er über­set­zen. Lin­eal und Dreieck sind für Ann sinn­los, keine Hil­f­s­mit­tel. Als sie in Hauswirtschaft einen drei­di­men­sion­alen Raum zeich­net, erhält sie dafür eine Sechs. Heute zeich­net sie dig­i­tal — auch drei­di­men­sion­al.

In Math­e­matik, Biolo­gie und Chemie wer­den die Rech­nun­gen kom­plex­er. In Geografie ist die Weltkarte eine Her­aus­forderung. Bish­er hat­te sie auf der Deutsch­land­karte Bun­deslän­der nach For­men auswendig gel­ernt. Doch die Weltkarte über­fordert sie – schon Polen und Tschechien sind schw­er zu find­en. Sie weiß dass Rus­s­land das größte zusam­men­hän­gende “Ding” ist. In Math­e­matik, Biolo­gie und Chemie erhält sie zu Ende des Schul­jahres ein “befriedi­gend”. Ihr Lern­pen­sum erhöht sich drastisch. Ihre Eltern stre­ichen den Sport, in der Hoff­nung den Leis­tungsab­fall zu beheben.

Ihre Mut­ter wird – auf­grund der Legas­the­nie ihres Brud­ers – Lei­t­erin ein­er Selb­sthil­fe­gruppe. Wodurch sie später zur Vor­sitzen­den eines Ver­ban­des für Men­schen mit  Legas­the­nie wird. Um die Mut­ter zu unter­stützen, liest sich Ann in das The­ma ein. Sie will ihrem Brud­er und ihrer Mut­ter helfen und sich an der Aufk­lärungsar­beit für Infor­ma­tion­s­abende beteili­gen, weil ihre Mut­ter nicht gerne alleine vor Frem­den spricht. Sie hält als Schwest­er eines legas­thenen Brud­ers Vorträge über ihre Erfahrun­gen mit ihm.

Wenn im Unter­richt Seiten­zahlen genan­nt wer­den, damit die Schüler ihre Büch­er entsprechend auf­schla­gen, fra­gen die Lehrer Ann oft, warum sie so lange blät­tert. Ihre Antwort lautet dann, dass sie die Zahl vergessen hat. Die Lehrer schreiben die Zahl an die Tafel. Aber auch das hil­ft Ann nicht. Also bringt Ann, um die Sit­u­a­tion zu umge­hen, keine Schul­büch­er mehr mit zur Schule.

Die sech­ste Klasse des Gym­na­si­ums muss Ann wieder­holen. Sie lernt wie zuvor auswendig was sich auswendig ler­nen lässt und erhält daraufhin ein Einser-Zeug­nis. Die siebte Klasse bietet nicht viel Neues. In der Acht­en muss sie einen Leis­tungskurs wählen. Das kle­in­ste Übel für sie ist Chemie. Erst­mals begin­nen Schulka­m­er­aden sie zu mobben für das was sie nicht kann – Zahlen.

Haben Mäd­chen Rechen­schwächen, hal­ten das viele für nor­mal aber nicht für Dyskalkulie. Die Erwä­gung sich ein­er Diag­nose zu unterziehen, verzögert sich. Die Erle­ichterung nicht dumm zu sein, eben­falls. Legas­the­nie taucht sta­tis­tisch häu­figer bei Jun­gen auf, denen man eine unle­ser­liche Hand­schrift eher verzei­ht, wodurch Schreib­schwächen Diag­nosen sich gle­icher­maßen verzögern. In Anns Fall dauert die Fest­stel­lung der Dyskalkulie darum 20 Jahre. Man sagt ihr lange, sie sei ein Mäd­chen und das es in der Natur der Mäd­chen läge, dass diese Prob­leme mit  Natur­wis­senschaften haben. Die sich wieder­holende Annahme man­i­festiert sich in Ann: Mäd­chen kön­nen keine Zahlen.

Nach­dem das Mob­bing am Gym­na­si­um Über­hand nimmt, die Eltern zunächst keinen Schul­wech­sel bil­li­gen wollen, Ann sich aber bei ihnen durch­set­zt, wech­selt sie in die neunte Klasse ein­er Mit­telschule. Doch in der neuen Schule wird sie wieder gemobbt. Dieses Mal weil sie vom Gym­na­si­um kommt, von der Acht­en direkt in die neunte Klasse kommt — das miss­fällt den Mitschülern.

Ihre Noten wer­den den­noch bess­er, außer die Math­e­mati­knote. In der Sportk­lasse ist sie das einzige Mäd­chen. Man klaut ihre Klam­ot­ten, ihre Math­e­büch­er. „Die brauchst du doch nicht“, heißt es boshaft. Ihre Fre­unde sind räum­lich ander­norts. Ann muss sich sel­ber helfen. Auf­grund des steti­gen Mob­bings manch­er Mitschüler, dis­tanzieren sich immer mehr Klassenkam­er­aden und erst­mals auch Fre­unde von ihr. Sie erträgt die Sit­u­a­tion in dem Glaube, dass das richtige Leben erst nach der Schule begin­nt. Das man Mathe, Geografie und viele andere Inhalte dafür nicht braucht. Sie glaubt an eine bessere Zukun­ft für ihr Leben. Sie glaubt dass sie anderen helfen kann. Sie glaubt an das Beste in jedem und das jed­er eine zweite Chance ver­di­ent.

Eine einzige Fre­und­schaft aus dieser Zeit über­lebt: Die zu jen­em Jun­gen, den sie später ihren Part­ner nen­nt. Er weiß nichts von ihrem Schick­sal, der Dyskalkulie, nichts vom Mob­bing oder dem Anspruch der Eltern. Er geht auf eine andere Schule. Sie tre­f­fen sich an den Woch­enen­den. Sein Steck­enpferd: Math­e­matik. Er ver­sucht ihr alles zu erk­lären. Sie fragt ihn bei Rech­nun­gen nach seinem Lösungsweg, weil sie ver­ste­hen will. Er sagt, die mache er im Kopf.

Ann fährt zusam­men mit ihrer Mut­ter auf den Kongress des Lan­desver­ban­des für Legas­theniker nach Erfurt und lernt die Grün­dungsmit­glieder der Jun­gen Aktiv­en Legas­theniker und Men­schen mit Dyskalkulie ken­nen. Der Bun­desver­band für Legas­the­nie (BVL) will ein Sum­mer-Camp für Men­schen mit Hand­i­caps aus ganz Europa auf Mal­ta organ­isieren. Ann begleit­et ihre Mut­ter.

Auf Mal­ta spricht sie erst­mals mit Betrof­fe­nen über ihre Prob­leme mit Zahlen – das erste Mal hört man ihr dabei zu. Zum ersten Mal fragt man die richti­gen Fra­gen und das erste Mal find­et Ann Worte die die Prob­leme beschreiben die sie erlebt. Man rät ihr zu einem Test, erst­mals und drin­gend.

Für die Reise nach Mal­ta muss sie alleine von Leipzig nach Frank­furter fliegen, um von dort Rich­tung Mal­ta zu kom­men. Der erste Flug für Ann. Alle wichti­gen Infor­ma­tio­nen beste­hen an diesem Tag aus Zahlen. Ihr Fre­und bringt sie zum Leipziger Flughafen. Eine Secu­ri­ty-Mann in Frank­furt hil­ft. Er bringt sie zum Gate. Sie wartet fünf Stun­den auf ihren Flug. Sie ist immer pünk­tlich oder wie sie sagt: Lieber eine Stunde früher da, als fünf Minuten zu spät.

Zu diesem Zeit­punkt trägt sie eine Arm­ban­duhr. Klas­sisch mit Zeigern und ohne Zahlen. Die kann sie nicht lesen. Sie trägt die Uhr um eine Uhr zu tra­gen. Wenn jemand nach der Zeit fragt, antwortet sie, “guck sel­ber drauf” und gibt sich beschäftigt.

Wenn sie mit der Bahn reist, brin­gen die Eltern sie zum Bahn­hof. Sie plant stets eine Stunde vor Abfahrt am Bahn­hof zu sein. Sie sagt, weil sie noch in die Bahn­hofs­buch­hand­lung will. Damit ihr genü­gend Zeit bleibt und kein­er Fra­gen stellt. In Leipzig holt sie stets ihre Oma ab. Weit­er­führende Züge merkt sie sich anhand der Gleise, nicht der Zahlen. Ihre Welt bricht zusam­men, wenn ein Zug spon­tan an einem anderen Gleis abfährt. Dann muss sie Men­schen fra­gen, alle Text-Anzeigen an jedem Gleis lesen, um die falschen Gleise auszuschließen und das Richtige zu find­en. 

Auf Mal­ta erzählt sie von ihren Reise-Erleb­nis­sen in Frank­furt. Man rät ihr sich testen zu lassen. Ann hat Angst. Vor der Möglichkeit, dass man bei ihr eine Rechen­schwäche diag­nos­tiziert.

Nach Mal­ta erzählt sie ihrer Mut­ter von den Gesprächen mit Betrof­fe­nen aus dem Camp. Von Mäd­chen wie Jun­gen die nicht kön­nen was auch sie nicht kann. Sie erk­lärt ihrer Mut­ter erst­mals ihre schlecht­en Noten. Die Mut­ter glaubt nicht. Ann glaubt ihrer Mut­ter.

Eines der Grün­dungsmit­glieder der Jun­gen Aktiv­en bleibt behar­rlich, emp­fiehlt Ann weit­er­hin den Test, um zu erken­nen dass sie nicht dumm ist. Die Behar­rlichkeit nimmt ihr die Angst vor dem Ergeb­nis, vor der Erken­nt­nis. Sie lässt sich testen. Ohne ihre Eltern. Die Fam­i­lie ihres Fre­un­des finanziert den Test.

Der Gedanke dumm zu sein kam durch die Schule, durch Lehrer die behaupten, dass sie als Mäd­chen Dinge nicht könne. Das Gle­iche geschieht durch die Jungs, die sie als Mäd­chen für zu dumm für Math­e­matik hal­ten. Anns Glaube ist Ergeb­nis der Annah­men ander­er. 

Im Duden-Insti­tut macht sie den Test. Sie beste­ht den Test nicht und erhält die Diag­nose zur Dyskalkulie mündlich vor­ab. Ihr Fre­und glaubt nicht an das Diag­noseergeb­nis. Andere Men­schen auch nicht. Eher daran, dass sie Mäd­chen ist und zu faul Zahlen zu ver­ste­hen. Ann ist zer­ris­sen.

Dabei geht es nicht nur um Math­e­matik. Es ist der All­t­ag – Bezahlen mit Geld, Zeit organ­isieren und ein­schätzen, einkaufen, Wech­sel­geld, Ori­en­tierung oder Uhrzeit­en lesen. Ann will oft zu viel für zu wenig Geld einkaufen.

Das offizielle Ergeb­nis kommt 14 Tage später. Inzwis­chen macht Ann eine Aus­bil­dung zur Erzieherin. Ein pos­i­tives Ergeb­nis, sprich die Bestä­ti­gung der Dyskalkulie wäre eine Erle­ichterung – ein­er­seits. Ander­er­seits ist Angst in ihr, die Ergeb­nisse mit anderen zu teilen. Angst davor gegenüber anderen Nachteil­saus­gle­ich zu erhal­ten, erleben, das andere denken kön­nten, dass sie bevorteilt würde. Sie hat den Ärg­er manch­er Eltern und Mitschüler gegenüber legas­thenen Men­schen beobachtet. Zudem erk­lären manche Men­schen ihr, dass es Dyskalkulie nicht gibt. Die Forschung zur Dyskalkulie ist noch jung im Ver­gle­ich zu der der Legas­the­nie. Es gibt Men­schen, die Heilung in Tablet­ten-Form noch heute erfol­gre­ich verkaufen. Wie Pillen gegen Homo­sex­u­al­ität.

Ann wird krank. Ihre Herzkrankheit holt sie wieder ein. Welche genau weiß kein­er. Sie kippt häu­figer um. Eigentlich ihr Leben lang schon. Mit dreizehn bekommt sie einen Herzka­theter. Für die Ärzte war ihre Gesund­heit damit einst wieder hergestellt. Alle Ärzte attestierten ihr vor­mals Gesund­heit. Und das alles andere Ein­bil­dung sei. Das glaubt sie bzw. sie glaubt, dass sie zu viel mache. Sie find­et die Schuld bei sich. Das vielle­icht das Mob­bing eine belas­tende Rolle spielt aber alles wieder verge­ht. Sie ver­sucht nicht mehr daran zu denken, dass etwas mit ihrem Herz nicht stimmt. Sie will glauben das sie gesund ist.

Während der Aus­bil­dung kippt sie häu­figer um. Es fol­gt die Diag­nose, dass der Leis­tungss­port und der ein­stige Sauer­stoff­man­gel im Laufe der Zeit zu drei Herzfehlern geführt haben – ein zu schneller, manch­mal ein zu langsamer Herzrhyth­mus und eine zu lange Pause. Hin und wieder schlägt darum ihr Herz kurz nicht. Sie wird dann kurz bewusst­los. Nor­mal wacht sie von alleine wieder auf oder stürzt kurz, wie sie selb­st es beschreibt: Kurz stürzen. Doch an einem Tag in jen­em Som­mer wacht sie mor­gens auf, redet wirr, ihr Herz rast, man bringt sie ins Kranken­haus. Die Geräte schla­gen in der Nacht Alarm. Sie wacht nicht mehr auf. Am mor­gen erzählen ihr die Ärzte von ein­er Rean­i­ma­tion. Eine Woche später lebt sie mit einem Herz­schrittmach­er. Wäre sie zuhause geblieben, wäre sie tot.

Auf­grund der Herzgeschichte und der Abwe­sen­heit während der Aus­bil­dung ver­weigert man ihr den Abschluss. Sie kann die Fachar­beit nicht abgeben und die Prü­fung nicht mitschreiben. Ann erhält kein Fach­abitur und kein Aus­bil­dungszeug­nis. Sie wird keine Erzieherin. Das ist was sie wollte: anderen helfen, das schwere Leben zu ver­hin­dern.

Man sagt ihr, nach ein­er Reha kann sie den Abschluss nach­machen. Nach langer Wartezeit macht sie die Reha. Sie fragt danach erneut bei der Schule an. Die ver­weigert ihr den Abschluss der Aus­bil­dung auf­grund des Krankheits­bildes weit­er­hin. Sie ver­sucht sich an anderen Schulen, doch alle schätzen die Gefahr eines Herz­schrittmach­ers gle­ich ein. Nie­mand will das Risiko tra­gen, das Ann auf der Arbeit mit Kindern ihr Bewusst­sein ver­liert.

Sie bekommt einen hal­b­jähri­gen Rheumaschub.

Der Herz­schrittmach­er ist nun zwei Jahre in ihr. Sie hat Fre­unde ver­loren, weil die nicht klarkom­men auf ihren kurzen Tod, die Rechen­schwäche und den Herz­schrittmach­er. Viele wis­sen nicht wie sie mit Ann umge­hen sollen. Zwei Fre­undin­nen und ihr Fre­und sind geblieben. Viele andere ver­schwinden langsam aus ihrem Leben. Zunächst gibt es Nachricht­en, Besuche im Kranken­haus. Doch dann lassen die Nachricht­en nach, die Antworten und die Besuche auch.

Sie arbeit­et derzeit als 450 Euro-Kraft bei Sub­way. Dort weiß man mit ihr umzuge­hen. Sie möchte eine Zeit Beruf­sprax­is sam­meln. Sie über­legt zu studieren. Sie wäre gern Bib­lio­thekarin. Doch dann hätte sie ein Semes­ter Sta­tis­tik. Alter­na­tiv möchte sie noch immer Erzieherin wer­den. Eine eigene Kita leit­en ist ein Traum.

Sie über­legt was sie für Men­schen mit Legas­the­nie und Dyskalkulie machen kann. Am lieb­sten Aufk­lärungsar­beit, damit beispiel­sweise mehr Lehrer und Eltern wis­sen wie alles ist, um bess­er helfen und früher erken­nen zu kön­nen. Dass Lehrern und Erziehern das The­ma nicht wahl­frei son­dern verpflich­t­end ver­mit­telt wird, ist ihr ein Anliegen. Damit alle die, die Kinder betreuen zukün­ftig noch sen­si­bler wer­den. Damit dank frühzeit­iger Diag­nosen Kindern ein schw­eres Leben erspart wird.

Betrof­fe­nen Fam­i­lien möchte sie eines mit­geben: Kinder wer­den früh ver­glichen in dieser Gesellschaft. Dabei gibt es kein per­fek­tes Kind, keine per­fek­te Fam­i­lie. Wenn man das ein­mal begreift, ist ein ADHS-Kind, ein Kind im Roll­stuhl, jedes Kind gle­ich viel wert. Das muss diese Gesellschaft noch ler­nen, sagt sie.

Sie sagt, sowieso kommt alles anders als man denkt. Wichtig find­et sie, dass man dem Leben gegenüber flex­i­bel bleibt.

Ann engagiert sich heute bei den Jun­gen Aktiv­en. Die Gruppe beste­ht aus Jugendlichen und jun­gen Erwach­se­nen mit Legas­the­nie oder Dyskalkulie. Darunter auch Juris­ten, Bürokaufrauen, Mechaniker oder Pro­movierende aus ganz Deutsch­land.

 

Deutscher Apfel

Wir haben uns ein Spazier­gang an frisch­er Luft gegön­nt — wegen Vit­a­m­in­bil­dung, Sonne und weil blauer Him­mel doch oft mehr wirkt als Zim­merdecke. Dieses Mal sind wir in den Schre­ber­garten am Wasser­turm in Stellin­gen. Von der Woh­nung aus der näch­ste Stop für paradiesis­che Ruhe.

Und was macht man im Paradies? Man fotografiert es, weil man Erleb­nis ungeteilt kaum aushält.

Was für eine Welt die Schre­bergärten sind! Man traut sich kaum über eine Hecke zu greifen und eine Pflaume zu pflück­en, weil sich das inko­r­rekt anfühlt und die deutsche Kor­rek­theit hier in die Luft gemeißelt ste­ht oder per Deutsch­land­flagge in das Vere­in­sheim gehangen scheint.

Hier wächst nichts wie es will. Hier ist die Regel die Natur. Hier sind die Pächter Göt­ter und jed­er Gärt­ner Ord­nung­shüter über Unbekan­nte.

Auch wenn ich selb­st gern ein solch­es Stück Ruhe zum Bücher­lesen unter freiem Him­mel hätte! Den Wartelis­ten für Bewer­ber nach zu urteilen, habe ich bis dahin meine Drit­ten sich­er.

Mein Garten bestünde aus Unkraut, Obst­bäu­men und ein­er Armee Wild­blu­men — in der ich nackt als Vorzeigeschre­ber im Schat­ten der Mirabellen säße. Und einen Kühlschrank mit Weinen und wech­sel­nden Käs­esorten hätte. Mit Hand­schuhen und Schal in den Win­tern tagträu­mend Tee trinken — mit und ohne Fre­un­den.

Die kon­stru­ierten Wirk­lichkeit­en in Heck­en­form, die Gradlin­igkeit zugeschnit­ten­er Natür­lichkeit ste­ht einem Muse­ums­be­such in nichts nach — ein völ­lig verkan­ntes Weltkul­turerbe, wenn man mich fragt. Ein Auswuchs natür­lich­er Wohnz­im­mer, von Kleingeis­tern und Garten-Genies gestal­tet, alles in der Aus­lage. Ein Fest für unsere iPhone-Kam­eras. Man bekommt gute Laune bei so viel Kün­stlichkeit in freier Natur.

Das größte Fest für die Sinne waren let­ztlich aber die Äpfel der freis­te­hen­den Obst­bäume! Lange nicht mehr so leck­er umson­st gegessen. Und wie befriedi­gend ist bitte Obstpflück­en!

Kampfbericht aus der Komfortzone

Das Schlimm­ste an mein­er Kündi­gung war die Wahl eines neuen Handy-Ver­trages, da der ehe­ma­lige Arbeit­ge­ber den bish­eri­gen spendiert hat­te. Das Kündi­gen meines Beschäf­ti­gungsver­hält­niss­es war weniger aufre­gend, als das Mich-davon-zu-überzeu­gen-es-zu-tun. Die Gewohn­heit, das Leben in Sicher­heit zu ver­brin­gen, zu brechen. Die Zone des Kom­forts zu verlassen und sich für das Dahin­ter zu entschei­den. Das war zumin­d­est für einen Moment ent­ge­gen mein­er Sicher­heits­ge­wohn­heit­en. Am Abend der Entschei­dungs­find­ung, hätte ich mich sog­ar gerne vor Aufre­gung übergeben. Ich kon­nte nicht. Ein Kampf­bericht.

Ich hätte das Gefühl gerne schon vor drei Jahren durch­standen: Das Gefühl mein Ver­hält­nis zum Arbeit­ge­ber bess­er zu kündi­gen. Aus diversen Grün­den. Das Gefühl bestand aber die Angst gewann damals über den Mut, der sich hin­ter der Bequem­lichkeit ver­schanzt hat­te. Nie­mand mordet sein altes Leben, der kein Motiv dazu besitzt. Ich wusste nicht was ich wollte, außer wegzu­wollen. 

Ich blieb in der Fir­ma die ich ver­lassen wollte. Statt zu gehen wech­selte ich nur den Arbeit­splatz in München gegen einen anderen in gle­ich­er Fir­ma in Ham­burg, von woher ich gekom­men war. Statt meinem Gefühl zu fol­gen zog ich um. Statt die Fir­ma schon vor drei Jahren zu ver­lassen, ging ich in eine neue Abteilung, bekam andere Kol­le­gen, ver­ließ Fre­unde und erhielt dafür ein neues Gehalt. Aus 2015 wurde 2018. Aus unser­er 85qm Loft-Woh­nung zum Preis von knapp 800 warm wurde eine 50qm Schanzen-Woh­nung für 1.200 warm. In Sicher­heit zu leben – wie Mut­ter und Vater es beibracht­en, hat seinen Preis. 

Ich wollte weit­er. Weit­er als denken. Raus aus meinem Kom­fort und hinein in Unbekan­ntes. Es ist nicht Angst die behin­dert. Es ist die eigene Gewohn­heit, nicht weit davon ent­fer­nt die tägliche Bequem­lichkeit.

In meinem Fall brach ich die Gewohn­heit Jahre nicht zu kündi­gen. Tagtäglich ein Stück. Ein tagtäglich­er Geschmack von Angst die mich wach machte, sich gut anfühlte. Die Lust, sich oder das Leben­skonzept zu hin­ter­fra­gen, steigerte. 

Fear is a sign you are liv­ing your pur­pose.” – Dar­ren Hardy. 

Das Gewohnte macht keine Angst, eher das Unbekan­nte. Das Gewohnte macht keine Angst, so lang man nicht darüber nach­denkt. Im Gewohn­ten richt­en wir uns ein und stumpfen ab. Jahr für Jahr. Nie sofort aber immer let­z­tendlich.

Denkt man nicht mehr darüber nach was man den Tag so tut, sei das ein Priv­i­leg, heißt es.

Das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis des Neuen ist dem des Alten über­legen. Das Neue bietet Fasz­i­na­tion, Auseinan­der­set­zung, Unter­hal­tung, Wach­s­tum neuer Fähigkeit­en und sei es nur sich an Neues anzu­passen und Flex­i­bil­ität zu ler­nen. Wie neue Sprache, eine neue Woh­nung, Bekan­ntschaft oder der BMW i3. Also habe ich mich entsch­ieden meine Kom­fort­zone dafür zu ver­lassen. Für das Neue.

Was mich hat kündi­gen lassen

Ich fragte mich zunehmend, was mein Beitrag zur Fir­ma sei die mich beschäftigte. Eine tolle Fir­ma. Inwieweit die Fir­ma von mir prof­i­tierte, fragte ich. Inwieweit das Arbeitsver­hält­nis auf Notwendigkeit beruhte, wurde mir mehr und mehr unklar. Machte es Sinn, meine Zeit hier wirk­lich zu ver­brin­gen? Es gab Kol­le­gen und Vorge­set­zte, die mir Glauben macht­en, es sei notwendig. Das reichte ten­den­ziell immer weniger, stellte ich fest.

Ich stellte außer­dem fest, dass die Her­aus­forderun­gen auf meinem Schreibtisch mich nicht mehr begeis­terten. Das war weniger hart als es klingt. Ich hat­te tolle Auf­gaben, nen­nenswerte Gestal­tungsmöglichkeit­en.

Ich wollte die Fir­ma an meinem Bauchge­fühl teil­haben lassen – die Kündi­gung war nur eine fol­gerichtige For­malie. Die musste ich hier­für ein­leit­en. Die Gehalt­sen­twick­lung, tolle Kol­le­gen oder das Kar­riere-Lev­el waren für meine Entschei­dungs­find­ung ab jet­zt sekundär. Was war dann primär? Mein Hunger auf das was ich wer­den kön­nte.

Nie­mand ist auf Dauer befriedigt, dessen Hunger auf per­sön­liche Entwick­lung größer wird, als die, die der aktuelle Arbeit­ge­ber ermöglicht — ob er kön­nte oder sog­ar will das man sich entwick­elt.

Man hat immer zwei Optio­nen: Kom­fort­zone oder Kampf. Wer jam­mert, hat in der Regel noch viel Kom­fort. Denn wer kämpft, jam­mert nicht. Wer kämpft hat ein Motiv. Nur wer kämpfte, erken­nt den Sinn des Jam­merns: Er ist eine Betäubung. Kämpfende Men­schen sind motiviert, wegen ihres Motivs. Ich habe erst gejam­mert. Am Ende über mich. Das ich die Möglichkeit­en nicht sah und es nicht wagte mir ein Motiv zu geben. Es war beque­mer ganz ohne Motiv zu arbeit­en und monatlich dafür ent­lohnt zu wer­den. Mein WARUM blieb unbeant­wortet. Ich kon­nte das WAS mein­er Arbeit erk­lären – was sich machte. Auch das WIE: Wie ich etwas machte, wenn ich jeman­dem erk­lärte, was ich machte, sprachen wir meist auch über das WIE ich es machte – das mit den Start­Up-Beratun­gen, ‑Work­shops, ‑Spar­rings etc. Das wie erzählt man oft schon mit Stolz. Das ist immer schon inter­es­san­ter als nur WAS man macht. Doch das WARUM wusste ich nicht. Warum ich bei news aktuell war, wusste ich an vie­len Tagen während der Jahre. Am Ende ging es ver­schwun­den. Als es mir auffiel ver­spürte ich erst­mals wieder den Hunger auf Entwick­lung. Ich wusste genau, dass news aktuell oder die dpa ihn nicht stillen wür­den.    

If you are not feel­ing moti­vat­ed – you’re either not expe­ri­enc­ing enough pain to change, or you’re not curi­ous enough about the pow­er of pos­si­bil­i­ties.” – Dar­ren Hardy

Die dpa-Gruppe und ihre Tochter news aktuell haben mich ca. fünf Jahre in ein­er mag­netis­chen Kom­fort­zone vollbeschäftigt und mir in dieser Zeit eine Menge pro­fes­sionelle Entwick­lung und beru­fliche Befriedi­gung ermöglich – und das ist weiß Gott kein Geld:

Vom Akademik­er wurde ich zum Ver­triebler, Busi­ness Devel­op­er, Pro­jek­t­man­ag­er, Con­sul­tant für Star­tUps und (agiler) Prozess­be­gleit­er. Das ich neben­her als Coach, Dozent, Inter­view­er, Mod­er­a­tor, Pitch­train­er, Spar­ringspart­ner, Speak­er oder Work­shop­per von Grün­derteams, Cor­po­rates, NGOs, Hochschulen, Co-Work­ing­spaces oder Accel­er­a­toren engagiert wurde, scheint ein Zeug­nis für die in der dpa erwor­be­nen Fähigkeit­en. Auch waren die Auße­nen­gage­ments ein Zeug­nis meines Hungers nach Entwick­lung. Am Ende nahm ich Urlaub um dozieren zu kön­nen, gab Work­shops an Woch­enen­den. Das ging alles gle­ichzeit­ig. Der­weil in der Fir­ma drei Entwick­lerteams begleit­en, Ret­ro­spek­tiv­en geben, Work­shops, tele­fonis­che Coach­ings, Pro­duk­t­man­age­ment, … irgendwelche Dinge die mich in Summe zunächst befriedigten. 

Ich kann nicht sagen, ich sei der Beste in jed­er Diszi­plin, es läge mir fern – und außer­dem, wer ist das schon? Ich kann sagen ich ver­ste­he heute anders als vorher – dank mein­er Vita – mehr über Zusam­men­hänge. Meine Spar­rings, Vorträge oder Work­shops han­del­ten nie allein von ein­er Diszi­plin – sie durch­leuchteten holis­tisch die Organ­i­sa­tion auf Herz und Niere, auf Pro­dukt, Ver­trieb und Mar­ket­ing min­destens. Ich gab meinem Pro­fil diverse Namen. Heute nenne ich den Men­schen den ich darstelle Strate­gie- und Busi­ness Devel­op­er. Der bleibe ich auch erst­mal. Heute bin ich zwar noch nicht was ich wer­den möchte, das ist aber lei­der nie sofort erre­ich­bar. Erst kommt immer Train­ing. Erst ist man immer schwach. Erst muss man die Gewohn­heit erken­nen. Den Still­stand. Wenn man noch nicht ster­ben möchte.  

Ich kenne die Arbeit im Ver­trieb oder mit Kun­den. Ich ver­ste­he heute mehr Pro­dukt und Kunde.  Ich ver­ste­he sog­ar das Feed­back. Ich weiß wie man ein Pro­dukt ein­führt – näm­lich bess­er auch intern.

Ich durfte in meinen eige­nen Work­shops ler­nen woran Grün­der scheit­ern, was sie erfol­gre­ich macht und was ältere Unternehmen von jun­gen unter­schei­det. Ich habe ein Sprachver­ständ­nis für die Kom­mu­nika­tion zwis­chen IT-lern und Nor­mal­sterblichen entwick­eln kön­nen. Ich weiß wie man ex- und intern kom­mu­niziert. Man kön­nte meinen ich wüsste es wirk­lich. Aber ich will nicht aufhören es zu ver­ste­hen – das Kom­mu­nizieren.

Viel habe ich bei news aktuell, in der dpa, in den Grün­der- und IT-Teams über Men­schen gel­ernt: Über Tea­mar­beit, Moti­va­tion, auch meine oder deren Gegen­teil – Pro­vi­sion. Darüber wann wir zu ler­nen bere­it sind. Das jed­er anderen Schmerz empfind­et. Das er verge­hen kann.

Wie viel Schmerz wir aushal­ten! 

Mit der Kom­mu­nika­tion steigt und fällt am Ende all das: jede Beziehung. Jed­er einzelne Pro­duk­tverkauf. Beziehun­gen zu Spon­soren, Inve­storen, Fam­i­lie oder die Part­ner­schaft. Das habe ich gese­hen, gespürt und glaube daran. Jed­er hat seine Glaubenssätze, aus denen her­aus wir die Welt sehen und also ver­ste­hen. 

Man sagt: Wo es Kon­flik­te gibt, wird zu wenig kom­mu­niziert. Ich mag das lösen! L‑ö-s-e‑n. Eine so schöne Methodik: Etwas lösen. Kom­mu­nika­tion löst.

Kon­flik­te die durch entwed­er große Egos entste­hen oder vielle­icht manch­mal durch sich nicht legit­imierte Hier­ar­chien, durch Kol­le­gen, Kun­den, Kon­flik­te die aus Eit­elkeit oder Vor­ein­genom­men­heit entste­hen, jene aus Missver­ständ­nis und die schlimm­sten: jene aus Kom­fort oder Bequem­lichkeit. Die leicht­esten sind die aus Unwis­senheit. Kom­mu­nika­tion löst eigentlich alles. Ich kann sie nur unter­schätzen. Und ich tue es oft. 

Ich werde mich noch weit­er damit auseinan­der­set­zen, was news aktuell aus mir hat wer­den lassen. news aktuell ist Medi­en­ar­beit, ist PR-Branche, viele Bild­schirme, Smart­phones und Nachricht­en-Feeds, Betrieb­srat und Kol­le­gen, will mutig sein, ist Durch­wahlnum­mern, Mailkreise, Gewohn­heit­en und Pösel­dorf an der Auße­nal­ster. Ich bin dankbar für das was ich gewor­den bin und das was ich nun mit­nehmen kann – wohl einen brauch­baren Men­schen und ein biss­chen Pösel­dorf. Man kommt als Weißbrot und hat das Gefühl als Roggen­vol­lko­rn­brötchen zu gehen. Ein­mal durchge­back­en. Die Schule ist been­det. Näch­ste. 

Jet­zt heißt es jährlichem Infla­tion­saus­gle­ich ade sagen. Gehab dich wohl Kan­ti­nen-Pommes mit Bratwurst! Baba Emp­fangs-Bio-Obstschale! Salü Intranet, tschö Mod­er­a­tionskof­fer und Betrieb­srat! Ich habe mir vorgenom­men euch zu ver­mis­sen, wenn ich weiß was ich dafür bekomme euch loszu­lassen.

Mein näch­ster Arbeit­sort ste­ht fest: Hafenci­ty, Osakaallee, gegenüber des Stör­te­bek­er Ufers, über Deutsch­lands größter Tief­garage. Dort wo Beton blüht und Wind den Schiffs­diesel durch Häuserzeilen drückt gehe ich in die Pro­jek­tleitung, helfe bei Prozess- und Struk­tur-Auf­bau, bei Kom­mu­nika­tion und Strate­gie. 

Das zukün­ftige Office ist ein Beta-Büro. Das zukün­ftige Unternehmen ist ein Start­Up. Derzeit in ein­er Hafen-City-Woh­nung. Weil das Unternehmen im Entste­hen ist, mit ihm das Office. Wir arbeit­en mit Vor­stand und Geschäfts­führung noch vom Esstisch aus, zudem ein „Kreativ-Team“ von Berlin aus, alle öfter auch von Zuhause aus. Die eigentlichen 3.000 qm Fläche fol­gen im Laufe des Jahres erst. Es wird um Wertev­er­mit­tlung gehen. 

Ein Start­Up bedeutet in meinem Fall kein höhen­ver­stell­bar­er Schreibtisch mehr, keine IT-Hot­line, all­wis­sende Emp­fangs­damen, keine hil­fs­bere­it­en Azu­bis, High End Inte­ri­or in Besprechungsz­im­mern, geschweige denn Raum­pla­nungskalen­der.

Ein Start­Up heißt kein Ver­lass auf bere­its Gewonnenes.Kein Aus­sitzen von Entschei­dun­gen. Täglich­es Hin­ter­fra­gen und Opti­mieren. Egal welche Posi­tion. Egal wie lange im Unternehmen. Egal wie gut man ist oder denkt zu sein. Ein Start­Up bedeutet wohl auch, Ver­ant­wor­tungsträger helfen Men­schen mit weniger Ver­ant­wor­tung, mehr Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Damit man ins­ge­samt schneller und bess­er wird. Progress, we must come to under­stand, is more about the but­tom than the top, schreibt Umair Haque.

Wir, zu denen ich als­bald gehöre, sind Men­schen mit vielle­icht mehr Lei­den­schaft als es sich alt­ge­wor­dene Mit­tel­ständler bekan­nter Maßen zu leis­ten pfle­gen. Wir wer­den Fehler machen, weil wir Neues auf­bauen. In Summe sind wir Lei­den­schaft für ein gemein­sames Ziel.

Wo die neuen Stifte herkom­men, wenn die alten leer sind – I don’t know. Apple-Rech­n­er? iPhone? Bah­n­card? HVV? Meine ehe­ma­lige Geschäfts­führerin sagte ein­mal, es gäbe eine Menge Annehm­lichkeit­en bei news aktuell. Häu­fig habe ich die für selb­stver­ständlich gehal­ten oder bess­er: gar nicht mehr wahrgenom­men. Wird es schw­er darauf zu verzicht­en? Ich glaube nein! Habe ich es genossen? Ich denke ja!

Danke für die Zeit!

Erre­ich­bar bin ich hier!

… because my Love is warmer than a choco­late box. – John­ny Osbourne

Hunger auf Business-Skills

Fabi­an Tausch (20) hält die Schul­bil­dung für wenig sub­stanziell. Ihm zug­folge kann man Schul­wis­sen nach Prü­fun­gen vergessen – weil es ihm für die Kom­plex­ität der Prax­is nut­z­los erscheint. Um seinen Wis­senshunger den­noch stillen zu kön­nen, inter­viewt Fabi­an Tausch heute Unternehmer. Neben Busi­ness-Skills die er ern­tet, erhält er beachtliche Aufmerk­samkeit. Ein Inter­view.

Marc Alexan­der Holtz: Fabi­an, du dürftest heute unge­fähr 20 Jahre alt sein. Du pro­duzierst einen Pod­cast mit Namen Jun­gun­ternehmer­pod­cast. Was motiviert dich dazu?

Fabi­an Tausch: Nicht nur unge­fähr, ich bin 20.

Puh, das ist ne ver­dammt gute Frage. Ange­fan­gen habe ich den Pod­cast, weil ich nicht wusste was ich da draußen alles machen kann, um mir meine Brötchen zu ver­di­enen. Inzwis­chen hören sich die Fol­gen zwis­chen 2.000 und 4.500 Men­schen an. Deswe­gen schaue ich, dass ich diesen Hör­ern max­i­malen Mehrw­ert bieten kann, auch wenn du mich da in so ein­er kleinen Sinnkrise erwis­cht, weil ich derzeit das kom­plette Konzept neu ausar­beite und dir darum nicht genau beant­worten kann, was mich aktuell motiviert.

Marc: Welche Sinnkrise?

Fabi­an: Ich habe den Pod­cast ohne Konzept ges­tartet und habe bish­er noch kein Konzept dahin­ter gepackt. Daher kommt das und daran muss ich jet­zt anset­zen.

Marc: Ich dachte dein Konzept sei, die erfol­gre­ich­sten Unternehmer Deutsch­lands zu inter­viewen, um von ihnen zu ler­nen – Busi­ness-Skills, wie du es mal aus­ge­drückt hat­test.

Fabi­an: Tat­säch­lich dachte ich das auch, aber das entspricht nicht mehr der Inten­tion mit der Ich ges­tartet bin.

Zeigen wie man seine Brötchen verdienen kann, unabhängig von Studium oder Ausbildung

Marc: Was war denn die Inten­tion?

Fabi­an: Zu zeigen wie man sich seine Brötchen ver­di­enen kann, unab­hängig von Studi­um oder Aus­bil­dung.

Marc: Und von den “Besten” zu ler­nen. Hast du sie bekom­men?

Fabi­an: Die “Besten” ist ja Def­i­n­i­tion­ssache. Ich finde es beein­druck­end mit Per­sön­lichkeit­en wie den Co-Foundern von FlixBus und AboutY­ou zu sprechen. Sind das jet­zt die Besten? Ich weiß es nicht.

Marc: Vielle­icht sind sie gut in ETWAS. Kannst du dir vom Pod­cast inzwis­chen Brötchen kaufen?

Fabi­an: Über den Pod­cast kom­men erstaunlich viele B2B Anfra­gen: kurz gesagt, ja.

Schülern und Studenten eine geile Ausgangsposition verschaffen

Marc: Worin ist ein Fabi­an Tausch gut und worin will er bess­er wer­den?

Fabi­an: Derzeit bin ich gut im Bere­ich Pod­cast­ing, daraus fol­gt auch Con­tent Mar­ket­ing oder die Kom­pe­tenz für Online Mar­ket­ing.

Bess­er wer­den möchte ich darin, Schülern und Stu­den­ten eine geile Aus­gangspo­si­tion zu ver­schaf­fen, sodass sie sich nach ihrem Abschluss bess­er vor­bere­it­et fühlen auf das Leben.

Marc: Was ist eine gute Aus­gangspo­si­tion für das Leben?

Fabi­an: Nicht nur mit the­o­retis­chem Wis­sen aus ein­er Schule oder Uni ent­lassen zu wer­den und für mich viel wichtiger: Skills im Bere­ich Kom­mu­nika­tion. Wenn ich mich nicht selb­st verkaufen kön­nte und schlecht wäre im reden, dann würde ich aktuell kein Geld ver­di­enen.

Marc:Wie erk­lärst du dir den Erfolg deines Pod­casts? Bis zu 4.500 Zuhör­er pro Folge sind für einen deutschsprachi­gen Pod­cast nicht wenig. Ist es nur das Kom­mu­nizieren-kön­nen?

Fabi­an: Auf der einen Seite habe ich bes­timmt einen Nerv getrof­fen, das ent­nehme ich den Nachricht­en die ich erhalte. Ich glaube, es liegt auch an der Auswahl mein­er Gäste.

Auf der anderen Seite haben die “großen” Pod­casts cir­ca 10.000 Hör­er und Aus­reißer gehen auf bis zu 50.000 Hör­er pro Folge. Also ist die Def­i­n­i­tion von groß schw­er zu ver­all­ge­mein­ern.

Wir leben in einer Zeit in der die Möglichkeiten unendlich sind, die Schulen uns aber nicht darüber aufklären.

Marc: Ich kann mir vorstellen, dass auch dein Alter auf den Erfolg ein­zahlt. Aber was ist das für ein Nerv den du zu tre­f­fen meinst?

Fabi­an: Naja, wir leben in ein­er Zeit in der die Möglichkeit­en unendlich sind, die Schulen uns aber nicht darüber aufk­lären. Ich selb­st bin mit Kar­ri­ere­denken aufgewach­sen und so gab es für mich erst­mal nur das Studi­um bzw. die Kar­riere danach. Ich weiß genau wie es ist, wenn du nur an Kar­riere denkst und dich vor lauter Scheuk­lap­pen nicht umschaust. Wenn man aber merkt, dass auch kein Mitschüler weiß, wie man son­st Geld ver­di­enen soll, dann war das­mein Proof-of-Con­cept für den Pod­cast.

Ich bin dran geblieben, habe meine Fol­gen geliefert auch wenn ich keine Lust hat­te und habe immer neue Sto­rys aus dem Hut geza­ubert. Natür­lich hil­ft es mir enorm, dass ich reden kann.

Marc: Wie erre­icht man als Pod­cast­er die Ziel­gruppe?

Fabi­an: Wenn ich einen neuen Pod­cast erstellen müsste würde ich fol­gen­des immer beacht­en: Welch­es Prob­lem möcht­est du lösen? Wer ist dafür dein Ziel-Avatar? Beschreib diesen so genau wie möglich und schau, ob sich das mit dem Kern­prob­lem deckt, das du lösen möcht­est.

Dann über­legst du dir, ob du das selb­st via Einzelfol­gen oder Inter­views lösen möcht­est und beginnst aufzunehmen.

Beim Launch selb­st soll­ten am 1. Tag 3 Fol­gen online gehen: Folge 1: Wer bin ich und was mache ich? Folge 2: Was kannst du von diesem Pod­cast erwarten? (Mehrw­ert kom­mu­nizieren!) Folge 3: Muss den vorher aus­gemacht­en Mehrw­ert brin­gen.

Danach für 14 Tage alle 2 Tage eine Folge raus­brin­gen, um dann erst in den gewün­scht­en Rhyth­mus überge­hen.

Ich habe das damals nicht so gemacht, weil ich keine Ahnung hat­te wie das funk­tion­iert. Dieses Rezept beweist sich regelmäßig auf iTunes und kann einen in sehr kurz­er Zeit inner­halb der Charts nach oben kat­a­pul­tieren. Es hält neue Hör­er direkt bei der Stange.

Marc: Und wie machst du deine eige­nen Pod­casts bekan­nt?

Fabi­an: Da habe ich eine Antwort für dich, die du nicht hören willst: Gar nicht. Das läuft alles über iTunes. Seit­dem ich unzufrieden bin mit dem Konzept poste ich cir­ca eine von zehn Fol­gen auf Social Media. Pro­motet habe ich son­st noch per Mail aber das auch schon Wochen nicht mehr.

Marc: Weil es sich inzwis­chen durch die Com­mu­ni­ty alleine trägt?

Fabi­an: Weil genug Abon­nen­ten von alleine hören.

Marc: Würde iTunes allein für einen neuen Pod­cast den jemand launcht reichen?

Fabi­an: Ja iTunes reicht. Das Beste Beispiel hier ist Sara von „No Time To Eat“, die in 3,5 Monat­en 4 Wochen auf der 1 Over­all stand und über 10.000 Hör­er pro Folge hat.

Rel­e­vante Face­book Grup­pen sind für mich der beste Hebel, wobei den­noch 80–90% des Traf­fics über den iTunes Feed kommt.

Ich möchte jeden zu mehr Eigenverantwortung für sein Leben begeistern.

Marc: Würdest du gerne mehr Men­schen davon überzeu­gen oder dazu inspiri­eren, dass sie ihr Angestell­tenda­sein ver­lassen?

Fabi­an: Ich würde nie sagen, dass Unternehmer sein für jeden etwas ist. Deswe­gen kann ich die Frage nicht ein­deutig beant­worten. Ich weiß es nicht, weil ich selb­st erst am Anfang ste­he.

Um das bess­er zu erk­lären: Ich möchte jeden zu mehr Eigen­ver­ant­wor­tung für sein Leben begeis­tern. Ob er sich anstellen lässt oder Unternehmer wird ist mir dabei egal.  

Begonnen hat alles als ich beschlossen habe, dass ich mehr vom Leben möchte und alles dafür zu geben bereit bin.

Marc: In einem Inter­view hast du mal vom eige­nen Leben gestal­ten, “die beste Ver­sion der eige­nen Per­son wer­den, das Leben selb­st in die Hand nehmen”.

Fabi­an: Wichtig ist zu ver­ste­hen, dass wir das Leben selb­st in der Hand haben. Je länger wir an ein­er Sache dran bleiben (die vielle­icht nicht völ­lig aus­sicht­s­los ist), desto eher wer­den wir erfol­gre­ich. Mir ist es ja auch nicht alles in den Schoß gefall­en. Begonnen hat alles als ich beschlossen habe, dass ich mehr vom Leben möchte und alles dafür zu geben bere­it bin.

Das wichtig­ste ist ein Mind­set zu entwick­eln, dass unsere Entschei­dun­gen auch daran anpasst, was wir erre­ichen wollen. Ich möchte aber kein Cha­ka Moti­va­tion­strain­er wer­den.

Marc: Du klingst ganz real­is­tisch.

Was sind die let­zten Dinge gewe­sen, die du Dank deines Pod­casts von Unternehmern gel­ernt hast?

Fabi­an: Ich habe gemerkt, dass Geld für mich zweitrangig ist, wenn ich merke, dass ich an ander­er Stelle mehr bewe­gen kann. Das hat mich nach­den­klich gemacht und derzeit denke ich sehr viel darüber nach, wie ich etwas bewe­gen kann, ger­ade in mein­er Gen­er­a­tion.

Für mich hat aber Geld nur an Bedeu­tung ver­loren, weil ich derzeit sehr gut von dem leben kann, was der Pod­cast verur­sacht. Ohne hier zu ste­hen und zu schreiben: Läuft bei mir ich bin reich.

Marc: Wirst du weit­er an das Pod­cast­for­mat glauben?

Fabi­an: Defin­i­tiv. Ich glaube, wir sind noch lange nicht am Peak und jed­er der sprechen kann und will, sollte schnell­st­möglich einen starten.

Produkttest: Eine Party für Probleme

Unternehmen wollen inno­v­a­tiv sein oder es wer­den. Zumin­d­est will man in jedem Unternehmen auch zukün­ftig funk­tion­ierende Pro­duk­te, Dien­stleis­tun­gen oder Ser­vices. Ideen und Pro­to­typen benöti­gen Tests. Pro­duk­ttests scheinen aber für einige Unternehmen eine Über­forderung. Es man­gelt an Zeit, Geld und Methodik, um aus guten bessere oder aus alten inno­v­a­tive Pro­duk­te zu entwick­eln. Anna Groos liebt und ken­nt den Bedarf. Sie weiß wie man Pro­duk­te und Pro­duk­tideen von Star­tups oder Unternehmen mit Spaß und Kost­barkeit­en auf ihre Fit­ness hin unter­sucht. Kosten­los, ohne eige­nen Aufwand vor Ort, bei Piz­za und Bier. Ein Inter­view.

Marc: Du hast Online-Jour­nal­is­mus studiert, warst Bera­terin in ein­er Kom­mu­nika­tion­sagen­tur, bist Mut­ter, Free­lancerin und gle­ichzeit­ig Teilzeitkraft in ein­er Dig­i­ta­la­gen­tur? Und du organ­isierst Usabil­i­ty-Tests.

Anna: Ja., ich habe Online-Jour­nal­is­mus mit Schw­er­punkt Online-PR studiert. Danach war ich in Agen­turen. Habe unter anderem eine Dig­i­tal-Unit für eine Cor­po­rate Pub­lish­ing-Agen­tur mit aufge­baut, mich in einem Dig­i­tal Lab in lean­er Pro­dukt- / und Geschäftsmod­el­len­twick­lung pro­biert oder war Free­lancerin im Bere­ich Konzept und Text. Jet­zt bin ich bei quäntchen + glück, ein­er Dig­i­ta­la­gen­tur.

Marc: Wenn ich deine Pro­jek­te und The­men aneinan­der­rei­he klingt das so:

Usabil­i­ty Testessen, Vor­sitzende Dig­i­tale Darm­stadt, dort den zwei­jähri­gen Web­mon­tag, New Work, PR-Nach­wuchs-Intia­tive #30u30, Dig­i­tal­camp, quäntchen + glück, dort “internes Start­Up” das sich deinen Aus­sagen zufolge zu einem Ideeninku­ba­tor ver­wan­delt hat. Zudem die The­men lean und agil. Wofür schlägt dein Herz am meis­ten?

Anna: Die Rei­hen­folge ist schwierig, die ändert sich ständig. Es gibt viele Ideen. Aber mit Kleinkind am Ende zu wenig Zeit für alles.

Mir macht die Arbeit mit der Dig­i­tal­en Darm­stadt sehr Spaß. Weil in diesem Vere­in so tolle, kreative Leute steck­en. Gemein­sam organ­isieren wir seit zwei Jahren den Darm­städter Web­mon­tag. Mich inter­essiert die Frage, wie man Arbeitsweisen aus dem Lean Start­up in klas­sis­che Unternehmen inte­gri­eren kann. Und wie man hin­bekommt, dass sich auch Kom­mu­nika­tion­s­abteilun­gen mehr mit Ziel­grup­pen-Explor­ing und Ideen-Fas­saden beschäfti­gen. Eine Denkweise, die vielle­icht in vie­len Pro­duk­t­man­age­ment-Abteilun­gen angekom­men – in der Kom­mu­nika­tion­s­abteilung aber noch keineswegs ver­bre­it­et ist.

Verlasse früh deinen Schreibtisch!

Marc: Ziel­grup­pen-Explor­ing und Ideen-Fas­saden, was ver­stehst du darunter?

Anna: Im Prinzip kann man das in einem Satz zusam­men­fassen: Ver­lasse früh deinen Schreibtisch!

Klas­sis­che Konzepte entste­hen noch oft in einem Büro – ohne dass der/die Konzepter/in jemals mit der Ziel­gruppe Kon­takt hat­te oder getestet hat ob eine Idee den Nerv der­sel­ben trifft.

Ein Beispiel dafür ist vielle­icht unser Usabil­i­ty Testessen.

Marc: Sprich draußen mit den Kun­den oder die die es wer­den wollen, Aus­tausch ini­ti­ieren?

Anna: Wir haben es ursprünglich ins Leben gerufen um Web­sites, Apps und andere dig­i­tale Pro­duk­te an Nutzer­grup­pen zu testen. Zuerst nur unsere eige­nen, später auch bei Agen­turen und Unternehmen. Mit­tler­weile ist uns klar, dass man damit mehr machen kann. Beim let­zten Testessen in Darm­stadt haben wir beispiel­sweise nur ein grobes Home­page-Konzept auf Akzep­tanz und Ver­ständ­nis getestet. Mit Usabil­i­ty hat­te das wenig zu tun aber es war wichtig, schon an diesem Punkt den Schreibtisch zu ver­lassen und die Idee der Start­seite an echt­en Men­schen zu testen.

Nutzer und Entwickler kommen zusammen

Marc: Ziel­grup­pen Explor­ing dürfte manchen Unternehmen aufwendig erscheinen. Ich ver­mute deswe­gen habt ihr beim Konzept des “Testessens” eine Idee entwick­elt, wie die poten­tiellen User in die Unternehmen kom­men?

Anna: Ziel­grup­pen-Explor­ing ist aufwändig, ja. Das kann in Gänze auch das Testessen keines­falls erset­zen. Das Usabil­i­ty Testessen ist höch­stens eine Ergänzung in bes­timmten Pro­jek­t­phasen. Die tiefe Beschäf­ti­gung mit der Ziel­gruppe und das Ver­ständ­nis ihrer Ziele und Bedürfnisse ist immer ein Stück Arbeit.

Beim Testessen geht es eigentlich vor allem darum Usabil­i­ty-Fehler her­auszufind­en. Das Konzept kurz erk­lärt: Nutzer und Entwick­ler kom­men zusam­men und machen gemein­sam ihre Pro­duk­te nutzer­fre­undlich­er. Wir haben dafür eine Art Speed-Test­ing entwick­elt, in dem an einem Abend pro Test­sta­tion sechs Nutzer mit der Think­ing-Aloud-Meth­ode Web­sites, App oder Wire­frames testen kön­nen. Meist wieder­holen sich die Fehler nach der drit­ten oder vierten Runde schon und man bekommt viele unge­filterte Insights darüber, wo es noch klemmt.

Wir beobacht­en, dass sich im Ver­lauf der Zeit das Ver­hält­nis zum Entwick­lung­sprozess von dig­i­tal­en Pro­duk­ten verän­dert. Die Organ­i­sa­tio­nen binden Nutzerin­nen und Nutzer immer früher und immer mehr mit ein. Weil sie wis­sen dass es etwas bringt. Einige Unternehmen machen mit­tler­weile kleine eigene Testessen mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen in der Kan­tine.

Wenn’s ein Problem gibt, mach eine Party draus

Marc: Das klingt, wen­ngle­ich auch kein voll­w­er­tiger Ersatz, wie du sagst, für das Explor­ing der Ziel­gruppe, nach instant User-Nähe!

Usabil­i­ty Testessen Kosten­punkt für das Unternehmen: Bier und Piz­za für die Gäste? Gibt es das in ganz Deutsch­land oder wie organ­isiert ihr die Com­mu­ni­ty der Test-User?

Anna: User-Nähe bedeutet es auf jeden Fall. Ursprünglich hat mein Kol­lege und Fre­und Philipp (@unparteiisch) das Testessen ins Leben gerufen, weil er das Prob­lem hat­te, nicht genü­gend unter­schiedliche Test­nutzer für seine App zu find­en. Und nach dem Mot­to “Wenn’s ein Prob­lem gibt, mach eine Par­ty draus” haben wir Piz­za und Bier hinzuge­fügt – und schwup­ps, kamen die Leute gern vor­bei, um in unbekan­nte Pro­duk­te reinzuschnup­pern oder ihre eige­nen Pro­duk­te zu testen.

Wenn Unternehmen Gast­ge­ber eines Testessens wer­den wollen, bedeutet das für sie kaum Aufwand. Wir übernehmen die kom­plette Organ­i­sa­tion und die Teil­nehmer­akquise. Mit­tler­weile haben wir recht starke Verteil­er aufge­baut. Unternehmen bestellen nur Piz­za, Bier und Brause für alle und den Rest organ­isieren wir. Wer Lust hat, Gast­ge­ber zu wer­den, kann sich hier »> mal umschauen.

Vor etwa zwei Jahren haben wir uns entsch­ieden, das Testessen unter CC-Lizenz zu stellen und das Konzept inklu­sive aller Mate­ri­alien für andere Teams zugänglich zu machen. Wir wollen mit Nutzer­fre­undlichkeit das Land über­schwem­men und dig­i­tale Pro­duk­te über­all bess­er bedi­en­bar machen.

Da wir im Kern-Team in Darm­stadt nur drei Per­so­n­en sind und somit max­i­mal sechs Arme haben, freuen wir uns über Teams, die das Testessen in ihre Stadt holen wollen. Mit­tler­weile gibt es Usabil­i­ty Testessen in ganz Deutsch­land und sog­ar eins in Öster­re­ich. Die Teams arbeit­en autark, wir ste­hen aber in ein­er Slack-Gruppe in per­ma­nen­tem Aus­tausch.

Das Usabil­i­ty Testessen ist auf jeden Fall ein Herzen­spro­jekt, das sehr viel Spaß macht.

Dialog: Darum geht es im Kern

Marc: Das frühzeit­ige Ver­ständ­nis für Ziel­grup­pen ist für alle Unternehmen jeden Alters rel­e­vant. Ist es durch die Dig­i­tal­isierung schwieriger gewor­den Ziel­grup­pen zu durch­leucht­en bzw. sie aufzufind­en, um sie dann zu ver­ste­hen?

Anna: Ich glaube, das kann man so pauschal nicht sagen. Es kommt auf die jew­eilige Ziel­gruppe an. In einem aktuellen Pro­jekt beste­ht die Ziel­gruppe aus Maler­meis­tern – der Kun­den­ziel­gruppe des Unternehmens, das uns beauf­tragt hat. Zu der hat­ten sie ohne­hin via Ver­trieb Kon­takt, nutzten diesen Kon­takt aber nicht wirk­lich bei der dig­i­tal­en Pro­duk­ten­twick­lung. Da war es ein­fach Kon­takt herzustellen, Inter­views zu führen und gemein­same Ideen-Work­shops zu machen.

Bei Unternehmen die ihre Ziel­gruppe nicht genau ken­nen, ist der Dia­log natür­lich schwieriger. Denn darum geht es im Kern. Ich bin überzeugt, dass quan­ti­ta­tive Dat­en die man heute durch Recherche recht leicht erheben kann, immer mit qual­i­ta­tiv­en Dat­en aus Inter­views ergänzt wer­den müssen, um Ver­ständ­nis zu entwick­eln.

Ein Beispiel aus einem Testessen: Ein Teil­nehmer testete seinen Online Shop. Laut Google Ana­lyt­ics gab es im Check­out einen But­ton, den jed­er Nutzer klick­te. Der erfol­gre­ich­ste But­ton des ganzen Shops. Während des Testessens stellte sich her­aus, dass genau dieser But­ton zwar von allen gek­lickt wurde – allerd­ings immer mit dem Ausspruch “Häää, wassn das für’n But­ton?! Ich klick mal da drauf.” Reine Ana­lyt­ics-Dat­en waren in dem Fall also kom­plett wert­los.

Marc: Eine bessere Qual­ität­sprü­fung für einen Sta­tus quo in Sachen Pro­duk­ten­twick­lung und Usabil­i­ty gibt es kaum. Die Kosten sind mehr als über­schaubar. Jedes Unternehmen kann das Testessen für seine dig­i­tal­en Pro­duk­te oder Dien­stleis­tun­gen bestellen? Gle­ich wo man in Deutsch­land sitzt?

Anna: “Bestellen” kann man Testessen nicht. Man kann sich höch­stens als Gast­ge­ber bewer­ben. Die Teil­nehmer sind meist ran­dom aus­gewählt. Wir acht­en nur darauf, nicht zu viele “Experten” einzu­laden und die Gruppe im Alter und Geschlecht möglichst divers zu gestal­ten.

Das Produkt muss nicht fertig sein — eine grobe Idee reicht aus

Marc: Kom­men wir auf den zweit­en Punkt, die “Ideen-Fas­saden” zu sprechen: Was genau ver­stehst du darunter?

Anna: Manch­mal hat man eine Pro­duk­tidee, von der man überzeugt ist, dass es genau die Idee ist, auf die die Men­schheit gewartet hat. Eine App, ein Shop oder eine Dien­stleis­tung vielle­icht. Doch die zu entwick­eln würde sehr viel Zeit und Geld kosten. Was wir stattdessen tun ist eine Fas­sade aufzubauen. Ähn­lich wie in einem West­ern, in dem die Haus­fas­saden nur aus Pappe beste­hen, teasern wir das Pro­dukt auf ein­er Land­ing Page, einem Fly­er oder in einem Video an und messen das Echo aus der Ziel­gruppe. Würde wirk­lich jemand den “Jet­zt kaufen”- oder den “Download”-Button klick­en? Wenn ja, dann ist das ein gutes Zeichen dafür, dass das Pro­dukt Erfolg haben kann. Wenn nicht, kann man mit wenig Aufwand fein­justieren und es noch ein­mal ver­suchen.

Hin­ter dem “Jet­zt kaufen”-Button ver­steckt sich meist nur ein Dialogfeld (“Cool dass du dich für Pro­dukt XY inter­essierst, gib uns deine Mailadresse, wir melden uns, wenn wir so weit sind”).

Das heißt, das Pro­dukt muss dafür nicht fer­tig sein. Eine grobe Idee reicht aus. Im Entwick­lung­sprozess ste­ht die Fas­sade noch vor dem Pro­to­typen. Sie ist qua­si der “Proof of Kaufen” für das Konzept. Dann erst kann man über Flows oder Design nach­denken.

Mein Lieblings-Pod­cast KPKP hat sich auch mit Fas­saden beschäftigt, falls es jeman­den näher inter­essiert »>

Marc: Wie gener­iert ihr die Ziel­gruppe? Baut ihr die Com­mu­ni­ties auf? Und was kostet mich das als Ideenge­ber, Grün­der, Pro­duk­ten­twick­ler?

Anna: Man muss kreativ sein. Manch­mal helfen uns sim­ple Dinge wie Google- oder Face­book-Ads. Die sind leicht auf bes­timmte Ziel­grup­pen zuzus­pitzen und man kann sie fein­justieren, wenn sie nach ein­er bes­timmten Zeit nicht funk­tion­ieren.

Manch­mal ist die Ziel­gruppe aber auch lokaler, dann lohnt sich vielle­icht ein Fly­er oder ein Aushang in der Stadt. Dann ist der “Proof of Kaufen” vielle­icht ein Event, an dem man das “Pro­dukt” vorstellen möchte. Das bewirbt man beispiel­sweise auf dem Fly­er und schaut, wie viele Leute zum Event zusagen. Mit denen kann man dann direkt das erste Fokus­grup­penge­spräch machen. Denn es sind ja genau die Leute, die sich für dein Pro­dukt inter­essieren.

Die Kosten sind unter­schiedlich. Als Start­up kann man sehr wahrschein­lich alles selb­st machen, wenn man bei der Fas­sadengestal­tung kreativ ist. Oft kann man ein­fache Designs kaufen oder Word­Press Themes benutzen. Es geht ein­fach darum, dass es nicht zu bil­lig aussieht und man das Grund­konzept der Idee ver­ste­ht. Mehr muss erst mal nicht dahin­ter ste­hen. Je sim­pler desto bess­er.

Marc: Sind das Usabil­i­ty Testessen und die Ideen Fas­saden für dein Net­work­ing oder wer prof­i­tiert eigentlich von dem ganzen Aufwand?

Anna: Wir set­zen Fas­saden tat­säch­lich in Kun­den­pro­jek­ten ein um ver­schiedene Ideen an ver­schiede­nen Ziel­gruppe zu testen.

Das Usabil­i­ty Testessen ist natür­lich für das eigene Net­zw­erk gut (wobei für mich immer der Spaß im Vorder­grund ste­ht). Es gibt mit­tler­weile aber auch die Möglichkeit, ein von quäntchen + glück organ­isiertes “Cor­po­rate-Testessen” im eige­nen Unternehmen mit ein­er zum Pro­dukt und Unternehmen passenden Ziel­gruppe zu real­isieren. Dann natür­lich nicht nur für Piz­za und Bier.

Marc: Meinen Dank für diesen kleinen span­nen­den Ein­blick.

Anna: Es hat mich gefreut!

Was macht Startups überlebensfähig?

Pan­do Ven­tures ist eine Starthil­fe für Unternehmensgrün­dun­gen. Der Ear­ly Stage-Accel­er­a­tor unter­stützt Grün­derteams als strate­gis­ch­er Part­ner mit Analysen der Geschäft­sideen, organ­isiert Mark­t­be­fra­gun­gen und Pitch­es beispiel­sweise vor Seed-Inve­storen. Zudem opti­miert man den Bau “über­lebens­fähiger Pro­duk­te”. Enri­co Jakob ist ein­er der Ven­ture Devel­op­er bei Pan­do und erzählt im Inter­view von den Fak­toren erfol­gre­ich­er Grün­dun­gen.

Marc Alexan­der Holtz: Pan­do ist Accel­er­a­tor und Investor?

Enri­co Jakob: Pan­do ist genauer gesagt ein Ear­ly-Stage-Accel­er­a­tor. Wir arbeit­en hands-on mit den Grün­dern von der Ideen­find­ung bis zur Vali­dierung, der Finanzierung und noch darüber hin­aus zusam­men.

Da unser Geschäftsmod­ell ein Beteili­gungs­geschäft ist, nehmen wir Anteile für unsere ‘Dien­stleis­tung’. Grund­sät­zlich kann man Pan­do als langfristig strate­gis­chen Part­ner ver­ste­hen, der “darüber hin­aus” bei der Skalierung und Expan­sion in die Märk­te hil­ft.

Wir haben relativ schnell gemerkt, dass es nicht immer um eine langjährige Erfahrung gehen muss

Marc: Pan­do ist jung, eure Grün­dung nicht lang her. Wie ste­ht es um Glaub­würdigkeit an einem Markt mit starkem Wet­tbe­werb?

Enri­co Jakob: Eine berechtigte Frage. Pan­do existiert knapp ein Jahr. Die Idee hin­ter Pan­do ist älter. Als wir zu Beginn 2017 unseren ersten Batch ges­tartet haben, wur­den wir des Öfteren von Bewer­bern gefragt “Welche Pro­jek­te habt ihr bish­er betreut?” oder “In welchen Bere­ichen liegen eure Stärken und Erfahrun­gen?” Wir haben rel­a­tiv schnell gemerkt, dass es nicht immer um eine langjährige Erfahrung gehen muss, son­dern dass die Per­sön­lichkeit­en und das Entwick­lungspo­ten­tial wesentlich mehr im Vorder­grund ste­hen, als nur die Erfahrung.

Marc: Wie kom­men Star­tups mit euch zusam­men? Was ist Voraus­set­zung?

Enri­co Jakob: Erst ein­mal gibt es natür­liche Anknüp­fungspunk­te für die Star­tups: Soziale Medi­en, Ver­anstal­tun­gen, Presse, Vorträge oder eigene Events.

Eine Voraus­set­zung ist sich­er der Fak­tor Zeit – ein poten­tieller Grün­der sollte sich min­destens zu 80% nur auf sein Unternehmen fokussieren kön­nen.

Und wie angedeutet, zie­len wir primär auf Per­sön­lichkeit­en ab. Ein Grün­der muss uns von der Idee und dann vor allem von sein­er Per­sön­lichkeit überzeu­gen kön­nen.

Von seiner Idee überzeugt sein, aber nie von derselben geblendet

Marc: Beschreibst du mal eine Grün­der­per­sön­lichkeit wie sie euch “sym­pa­thisch” erscheint!

Enri­co Jakob: Das ist schwierig auf den Punkt zu brin­gen, aber ich ver­suche es mal:

Zunächst muss ein Grün­der die Fähigkeit besitzen sich selb­st ständig zu hin­ter­fra­gen, den­noch den Fokus nicht zu ver­lieren. Wer grün­det sollte von sein­er Idee überzeugt sein, aber nie von der­sel­ben geblendet. Ein Grün­der sollte auch ein guter Leader sein und seinen Mitar­beit­ern Ent­fal­tungsmöglichkeiten bieten.

Marc: Du sagst, ihr helft Grün­dern von der Ideen­find­ung an. Nach welchen Kri­te­rien über­prüft ihr eine Idee?

Enri­co Jakob: Prinzip­iell kann man bei kein­er Idee zu Beginn sofort sagen, dass es eine dis­rup­tive und Markt verän­dernde Idee ist. Der Erfolg hängt von diversen Fak­toren ab. Eine Idee ist für uns dann erstrebenswert, wenn min­destens ein­er von unserem Team ein poten­zieller Kunde wäre, denn nur dann kön­nen wir selb­st auch dafür bren­nen. Mögliche weit­ere Kri­te­rien wären das Mark­t­po­ten­tial, die Größe der Ziel­gruppe, Mark­tein­tritts­bar­ri­eren, die Test­barkeit am Markt, die benötigten Kosten um ein Pro­dukt zu entwick­eln, etc.

Kill your Darlings!

Marc: Woran scheit­ern Geschäft­sideen? Kann man das grund­sät­zlich sagen? Gibt es Häu­figkeit­en, Auf­fäl­ligkeit­en?

Enri­co Jakob: Ja, es gibt mein­er Mei­n­ung nach sehr klare Gründe. 1. Der Grün­der ist zu visionär und will zu schnell zu viel verän­dern. Mein Tipp: Lieber klein anfan­gen und das erste Pro­dukt (auch wenn man sich dafür schämt) ein­fach verkaufen und erste Umsätze erzie­len. 2. ‘Kill your Dar­lings’ – der Grün­der schafft es nicht seine Geschäft­sidee zu hin­ter­fra­gen und mit dem Kun­den zu entwick­eln, denn nur dann erre­icht man es ein gefragtes Pro­dukt zu entwick­eln. 3. Die Geschäft­sidee set­zt auf einen Markt der schon zu groß ist oder das Wach­s­tum sog­ar sinkt.

Es gibt natür­lich weit­ere Gründe.

Die ersten Schritte stellen meist die Weichen für den Erfolg einer Geschäftsidee

Marc: Was, von der Idee zur Real­isierung, sind deines Eracht­ens die zu gehen­den Schritte und welche davon sind beson­ders zu betra­cht­en, um den Erfolg sicherzustellen?

Enri­co Jakob: Die ersten Schritte stellen meist die Weichen für den Erfolg ein­er Geschäft­sidee. Zu Beginn sollte man seinen Markt bis in das let­zte Detail genau ken­nen, also seine Mit­be­wer­ber, seine Kun­den, seine Mark­t­größe, aber auch mögliche Lim­i­tierun­gen oder Risiken.

Im Anschluss daran, gilt es seine Geschäft­sidee so aufzu­bere­it­en, dass sie für jed­er­mann in einem Satz erk­lärt ist und damit geht man auf die Straße. Man ver­sucht zu erfahren, wie der Kunde auf die Idee reagiert und welche Fra­gen gestellt wer­den.

Das ist der qual­i­ta­tive Test ein­er Idee. Um quan­ti­ta­tiv zu testen, ver­sucht man das ganze online abzu­bilden und dabei das Nutzerver­hal­ten her­auszu­fil­tern. Das Schöne ist: heutzu­tage gibt es etliche Tools die solch­es Testen vere­in­fachen.

Das wäre der Plan für die ersten 2 Wochen.

Marc: Und die Fol­ge­wochen? Wie find­et ihr mit den Teams nach der Ideen­find­ung, Vali­dierung der­sel­ben, der Real­isierung des Geschäftsmod­ells dann die ersten Kun­den?

Enri­co Jakob: Ich mache das mal an einem Beispiel fest. Ein­er der größten Erleb­niskonz­erne der Welt ‘airbnb’ hat sehr sim­pel begonnen. Sie sind von Haus zu Haus gegan­gen, um Anbi­eter für Apart­ments zu find­en und diese Online anzu­bi­eten. Um nun die ersten Kun­den zu gener­ieren haben sie in Erfahrung gebracht, welche Ver­anstal­tun­gen dem­nächst im Umkreis stat­tfind­en und haben dann Kon­takt zu den Besuch­ern dieser Ver­anstal­tung aufgenom­men, um ihnen die Apparte­ments vorzuschla­gen. Das Beson­dere hier­bei: Es war bis dato noch keine Online Plat­tform nötig. Ähn­lich gehen wir an viele (nicht an alle) Ideen her­an: Wir ver­suchen offline mit ein­fach­sten Mit­teln erste Kun­den zu gener­ieren und deren Bedürfnisse zu analysieren.

Ein Geschäftsmodell darf niemals still stehen

Marc: Stellt ihr oft fest, dass ein angenommen­er Bedarf nicht der Bedarf­s­lage am Markt entspricht und man Pro­dukt oder Dien­stleis­tung kor­rigieren muss?

Enri­co Jakob: Ja defin­i­tiv! Häu­fig liegt es nicht­mal am Pro­dukt selb­st, son­dern an der Kun­de­nansprache. Ein Geschäftsmod­ell darf niemals still ste­hen, son­dern es muss sich mit dem Markt entwick­eln.

Welche Bedeutung hat strategische Kommunikation für Startups?

Marc: A pro pos Kun­de­nansprache: Welche Bedeu­tung hat strate­gis­che Kom­mu­nika­tion für Star­tups? Kann man damit zu früh begin­nen? Wofür ist sie dein­er Mei­n­ung nach hil­fre­ich?

Enri­co Jakob: Kom­mu­nika­tion als solche ist enorm wichtig, nicht nur nach außen, son­dern auch nach innen. Wir bei Pan­do haben bere­its zu Beginn die 5 wichtig­sten Werte niedergeschrieben und bauen diese stetig in unsere Kom­mu­nika­tion nach innen und außen ein. Generell ist Kom­mu­nika­tion ein unglaublich wichtiges Tool um den Kun­den auf die richtige Weise zum richti­gen Zeit­punkt anzuge­hen. Je früher, desto bess­er!

Marc: Pan­do ist deine erste Grün­dung? Was würdest du deinem jün­geren Ich vor dem Hin­ter­grund der gemacht­en Erfahrung heute rat­en?

Enri­co Jakob: Meinem ‘jün­geren Ich’ würde ich einiges rat­en, aber die zwei wichtig­sten Dinge sind “bleibe immer du selb­st” und “habe eine eigene Mei­n­ung und bleibe dabei”. Es gibt so viele Mei­n­ungs­ge­ber da draußen, was das Grün­den nicht leichter macht. Eine eigene Mei­n­ung hil­ft eine ein­heitliche Lin­ie zu fahren.

Ich halte nichts davon, dass Gründer 14 Stunden am Tag arbeiten müssen, um erfolgreich zu werden

Marc: Und die Work-Life-Bal­ance? Wie siehst du als Grün­der? Lei­den­schaft ist ein stark­er Energiespender aber Energiere­ser­ven sind endlich.

Enri­co Jakob: Abso­lut. Ich halte gar nichts von der aktuellen Bewe­gung, dass Grün­der 14 Stun­den am Tag arbeit­en müssen oder sog­ar soll­ten, um erfol­gre­ich zu wer­den. Natür­lich muss man immer 100% oder sog­ar 110% liefern, aber wenn man seinen Tag struk­turi­ert ein­teilt, schafft man vieles wesentlich effizien­ter als man denkt. Wir bei Pan­do ver­suchen Grün­dern beizubrin­gen, das Leben im Gle­ichgewicht zu hal­ten und seinen Kör­p­er nicht zu ver­nach­läs­si­gen, denn das holt einen irgend­wann ein und macht nicht glück­lich.

Marc: Wie stehst du zu dem Hype, den das The­ma Star­tups, Grün­dun­gen, Inno­va­tio­nen und Entre­pre­neur­ship aktuell erfährt? Hil­ft euch das?

Enri­co Jakob: Ich muss ehrlich geste­hen, dass ich dem aktuellen Hype etwas kri­tisch gegenüber ste­he, denn das Wort ‘Start­up’ ist zu einem leeren Schlag­wort mutiert. Jed­er möchte ein Start­up grün­den, aber beschäftigt sich nicht wirk­lich damit was dahin­ter steckt, denn wenn man ein erfol­gre­ich­es Unternehmen auf­bauen möchte, dann hat man auch einiges an Ver­ant­wor­tung zu tra­gen.

Man sollte wissen was einen glücklich macht

Marc: Dann frage ich dich als Experte nach dem notwendi­gen Skill-Set, dass man benötigt um ein Unternehmen aufzubauen. Welche Exper­tise – neben der Grün­der­per­sön­lichkeit – emp­fiehlst du, die Grün­der benöti­gen?

Enri­co Jakob: Viele vergessen neben dem benötigten Know-How, auch Per­sön­lichkeit weit­erzuen­twick­eln. Es gehört sehr viel mehr dazu ein Team von 50, 100 oder gar 200 Leuten zu leit­en. Man sollte wis­sen was einen glück­lich macht und in welchen Din­gen man gut ist. Man sollte bewusst Dinge, in denen man nicht gut ist anderen Per­so­n­en über­tra­gen und sich auf seine Kernkom­pe­tenz konzen­tri­eren.

Lust haben einen Teil der Welt positiv zu beeinflussen

Marc: Wer sollte sich bei Pan­do melden, wie würdest du das spon­tan for­mulieren – egal ob zukün­ftige Kun­den, Part­ner, Mitar­beit­er oder was auch immer dir in den Sinn kommt?

Enri­co Jakob: Inter­es­sante Frage. Wir bei Pan­do sprechen unsere Inter­essens­grup­pen immer so an, als wären sie ein Teil unser eige­nen, deshalb suchen wir werte­treue Rock­stars die Lust haben einen Teil der Welt pos­i­tiv zu bee­in­flussen und selb­st Per­sön­lichkeit­en zu verän­dern und mitzureißen.

Marc: Enri­co Jakob macht 1) Was bei Pan­do? 2) Warum macht er das? 3) Wie schafft er dabei seine eigene Work-Life-Bal­ance?

Enri­co Jakob: Ich beschäftige mich mit dem Ven­ture Devel­op­ment, also betreue pro Hal­b­jahr immer ein bis zwei Pro­jek­te. Darüber hin­aus ist das Inbound Mar­ket­ing (also Web­site, Marke­nauftritt und Entwick­lung) mein Steck­enpferd. 2) Ich liebe es mir neue Kom­pe­ten­zen anzueignen und Marken zu erschaf­fen. 3) Nicht immer ganz leicht, aber den Tag struk­turi­ert pla­nen und sich auf die wesentlichen Dinge konzen­tri­eren und dabei seine per­sön­lichen Beziehun­gen nicht ver­nach­läs­si­gen.

Web­site Pan­do: http://pando-ventures.com/en/home/